Gezi-Park-Proteste "wie 1968 in Europa"

Chat13. Juni 2013, 14:35
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STANDARD-Korrespondent Markus Bernath beantwortete Userfragen

Wien – STANDARD-Korrespondent Markus Bernath verfolgt die Proteste gegen das umstrittene Bauprojekt im Istanbuler Gezi-Park seit Beginn. Im Chat erklärt er, dass viele Türken nach zehn Jahren Erdogan dessen aggressiven Stil leid sind, berichtet von der Atmosphäre der Toleranz und Freundlichkeit auf dem Taksim-Platz, wo PKK-Anhänger, Kemalisten und Rechtsnationalisten gemeinsam den Tränengasangriffen trotzen, und erklärt, wo man gute Gasmasken kaufen kann. Die aktuelle Berichterstattung zu den Protesten in der Türkei finden Sie hier.

ModeratorIn: Guten Tag nach Istanbul aus der STANDARD-Redaktion. Wie sieht es derzeit auf dem Taksim-Platz aus?

Markus Bernath: Merhaba! Es ist ruhig, es regnet, die Nacht verlief am Ende friedlich, und es soll auch heute keine Räumung des Parks geben - so hat der Gouverneur zumindest heute Morgen erklärt.

Salazars Liegestuhl: Halten Sie Erdogans Angebot eines Referendums für ernsthaft?

Markus Bernath: Nicht wirklich. Eine Abstimmung wäre ein guter Schritt nach vorn, aber es gibt jetzt schon wieder zu viele widersprüchliche Signale, als dass mir das ernsthaft erscheint.

carlito_brigante: angeblich flauen die demos ab bzw. gibt es kaum noch demonstrierende. liegt das daran, dass viele sich auch einen lebensunterhalt nachgehen müssen oder glauben sie wirklich den fadenscheinigen versprechungen von erdogan?

Markus Bernath: Die Menschenmengen auf dem Taksim sind seit der Räumung am Dienstag kleiner geworden. Das hängt aber mit der Gewalttätigkeit der Lage zusammen. Den Einsatz von so viel Tränengas kann man ohne Ausrüstung nicht überstehen. Augenzeugen berichten auch, dass die Polizei gezielt mit Gaskartuschen auf Demonstranten zielt. So kommen die Verletzungen zustande. Ich nehme an, dass am Wochenende wieder mehr Leute zum Platz kommen werden. In anderen Städten gehen die Proteste weiter, auch im Stadtteil Gazi in Istanbul.

Dreesch, ka ne se dasee kawum!: Im Standard-Forum gibt es viele Postings, die den Demonstranten vorwerfen, "kemalistische Terroristen" oder wahlweise auch PKK-Anhänger zu sein. Welche Einstellung hat die Istanbuler Bevölkerung zu den Protesten?

Markus Bernath: Das für die Türkei absolut Einmalige in den vergangenen zwei Wochen war, dass Kemalisten, Rechtsnationalisten (die Grauen Wölfe) und Kurden miteinander auf dem Platz standen und sich unterstützten. Es gab auch ein symbolisches Foto von der Räumung am Montag, das drei solche Personen im Strahl der Wasserwerfer zeigt. Die Istanbuler Bevölkerung, die die Proteste unterstützt, tut das mit Sendungen von Lebensmitteln und Medikamenten. Der andere Teil schweigt.

escandalo!: Wie schätzen Sie die Stimmung in der restlichen Türkei ein?

Markus Bernath: Das ist ein bisschen schwer zu sagen, wenn man das von Istanbul aus betrachtet. In vier Fünfteln der Provinzen gibt es seit zwei Wochen Demonstrationen. Die Zusammenstöße in Ankara, Izmir und in Antalya mit der Polizei sind groß und dauern an.

Manfred81: Wie verhält sich das Militär bisher in der Sache?

Markus Bernath: Völlig ruhig, kein Kommentar.

ImperfectCulture: Merhaba bay Bernath. Vor kurzem haben sich die Ultras der drei großen Clubs (Fener, Gala, Besiktas) trotz ihrer offenschtlichen Feindschaft zu "Istanbul United" formiert um sich an den Protesten zu beteiligen. Wie sehen sie die Rolle der organisiert

Markus Bernath: Die Klubs, vor allem die "Carsi" in Besiktas, hatten sich oft bei gesellschaftlichen Themen zu Wort gemeldet. Das hat Gewicht. Wenn sich nun drei Klub-Organisationen, darunter auch Erdogans Lieblingsverein Fenerbahçe gegen den Premier stellen, dann zeigt das schon, wie weit der Unmut über die Regierung reicht.

ModeratorIn: Userfrage per Mail: Haben Sie auch das Gerücht gehört, dass viele Demonstranten die gleichen Gasmasken tragen, weil diese angeblich aus Armeebeständen stammen?

Markus Bernath: Das ist jetzt wieder eine Konspirationstheorie, oder? Nach der Art: Die Armee unterstützt heimlich die Protestbewegung. Mir ist nicht aufgefallen, dass alle Gasmasken gleich wären. Aber Sie brauchen tatsächlich gute Masken, um den Beschuss durchzustehen. Die finden Sie wohl eher in Militaria-Geschäften.

pustra bui: Sind NGO`s am Taksim tätig?

Markus Bernath: Ich habe keine internationalen NGOs gesehen. Das würde der Konspirationstheorie des Regierungschefs von der "ausländischen Hand" nur Nahrung geben. Türkische NGOs gibt es vereinzelt - Naturschützer im Wesentlichen.

Herr und Frau Österreicher: Es wid behauptet, die Unterstützer Erdogans kämen vor allem aus ländlichen Gebieten und den Slums der Großsstädte. Kann das stimmen, wenn man bedenkt, dass im Rahmen wahnwitziger Staudammprojekte ganze Dörfer zwangsumgesiedelt werden und Armenvierte

Markus Bernath: Sie sprechen Entwicklungen an, die die Regierungspartei langsam Wählerstimmen kosten. An der Schwarzmeerküste ist das so und auch in Ostanatolien. Die Unterstützung für die AKP kommt aber weiter aus den konservativen, sozial schwächeren Schichten und dem - nun nicht mehr so neuen - muslimischen Bürgertum. Beide wollen wirtschaftliche Stabilität.

TheNepomuk: Die meisten Fernsehsender berichten nach wie vor nur minimal von den Protesten. Der privatsender n-tv ist jetzt umgeschwenkt und berichtet. Glauben Sie, dass noch mehr Sender umschwenken werden?

Markus Bernath: Die Berichterstattung der etablierten Fernsehmedien war der große Skandal und Schock dieser Proteste in der Türkei. Niemand hat sich wirklich das Ausmaß der Selbstzensur vorstellen können. NTV hat nun Diskussionsrunden zu den Protesten und berichtet schon mehr mittlerweile. Andererseits hat die Rundfunkbehörde gerade drei Sender, die von Anfang an live dabei waren - HalkTV und Ulusal sind zwei davon -, zu Geldstrafen verurteilt. Live-Berichte vom Taksim seien jugendgefährdend ...

ModeratorIn: Userfrage per Mail: Welche Anliegen vertreten die Demonstranten denn eigentlich? Worauf liegt das Hauptaugenmerk?

Markus Bernath: Die Demonstranten in Istanbul wollen den Erhalt der Parkanlage, den Stopp der ganzen Umbauarbeiten auf dem Platz inklusive des nun von der Regierung mitgeteilten Abrisses des Atatürk-Kulturzentrums. Der Protest wegen der "fünf Bäume" (Europaminister Bagis) hat aber schnell eine politische Dimension erhalten: Die Demonstranten fordern zumindest in ihren Slogans den Rücktritt Erdogans. Sein autoritärer Regierungsstil ist das eigentliche Ziel geworden.

ModeratorIn: EILT: Ministerpräsident Erdogan hat soeben eine "letzte Warnung" an die Demonstranten gerichtet: Seine Geduld sei am Ende. Er bat "Mütter und Väter", ihre Kinder von dort wegzuholen. Kann man den Tränengaseinsatz vom Dienstag noch überbieten?

Markus Bernath: Ja, natürlich. Wenn die Polizei den Park stürmt und mehre tausend Besetzer verjagen soll, dann wird das sicher mit einiger Gewalt geschehen müssen.

laborratte: wenn man das auf österr. Verhältnisse umlegt, demonstrieren in der Türkei im Moment Rechte, Linke, Sozialisten, Kommunisten, Liberale, Grüne, Aus-und-Inländer gegen die regierende konservative Partei. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?

Markus Bernath: Dieses Neben- und Miteinander hat ausgezeichnet funktioniert. Es war eine fast schon unwirklich anmutende Atmosphäre der Toleranz und Freundlichkeit zueinander. Jetzt herrscht im Park eher Gedrücktheit und Furcht vor dem Angriff. Aber die Tage dieses politischen Konsenses werden im Gedächtnis der Gesellschaft bleiben.

Kayser Soze: Ist durch die Heterogenität der demonstrierenden Gruppen eine Spaltung innerhalb der Protestbewegung zu befürchten oder einen die gemeinsamen Anliegen selbst Kemalisten und Kurden?

Markus Bernath: Nein, die Protestgruppen sind heterogen, aber die Toleranz ist sehr groß. Am vergangenen Wochenende hatte ich Kurden den Halay tanzen sehen - riesige Gruppe -, und sie riefen mittendrin "Apo, Apo!". Das ist für Kemalisten oder Türken überhaupt wohl schwere Kost. Es hat trotzdem niemand protestiert.

Ergo ist: Bis jetzt vermisse angesichts der Vorgänge ich ein diplomatisch härteres Vorgehen der USA gegen den NATO-Partner Türkei. Hätten die USA im Vergleich zur EU nicht den stärkeren Hebel, um zumindest die aktuelle Gewallt einzudämmen? Oder ist Erdogan ei

Markus Bernath: Das würde ich so sehen: Erdogan ist ein zentraler Partner für die US-Regierung. Aber Reaktionen aus dem Westen gibt es ja, aus dem Weißen Haus ebenso wie aus Brüssel.

trabalhador: Die türkische Lira fiel auf den tiefsten Wert seit Oktober 2011 und die Börse in Istanbul verzeichnet die tiefsten Werte seit 2008. Wie lang kann Erdogan dieser Entwicklung zuschauen?

Markus Bernath: Der Euro ist über die 2,50-Lira-Marke gekommen, nachdem der Regierungschef den Taksim-Platz am Dienstagmorgen räumen ließ. Acht Milliarden Dollar sind in den vergangenen zwei Wochen ins Ausland abgewandert, hat der Zentralbankchef angegeben. Natürlich will die Regierung diese Entwicklung stoppen. Vielleicht denkt sich der Premier, mit Gewalt ließe sich das schneller erreichen.

pustra bui: Spielt Erdogans kriegstreiberei in Syrien eine Rolle bei den Protesten ?

Markus Bernath: Indirekt ein wenig. Ein großer Teil der Türken, auch der AKP-Wähler, ist mit der lauten Politik gegen Assad nicht zufrieden. Die linksgerichteten Grüppchen, die auf dem Taksim sind, nehmen natürlich gegen den "Imperialismus" Stellung, der sich ihrer Ansicht nach in der türkischen Syrienpolitik äußert.

odrr: Auch wenn die Demos jetzt niedergeschlagen werden, sind sie ein starkes Fundament für die Zukunft, wie sehen Sie das ? Tesekkürler.

Markus Bernath: So sehe ich das, ja. Die Regierung kann den Taksim-Platz räumen und auch den Gezi-Park, aber die Menschen kommen wieder. Sie hat auch kein Mittel im Moment, um die Proteste in den anderen Städten zu beenden. Die Taksim-Besetzung war ein so großes, kreatives und dokumentiertes Ereignis, dass es in der türkischen Gesellschaft fortwirken wird. Etwas wie 1968 in Europa.

shibumi: Erdogan hat in einer Pressekonferenz gesagt, er akzeptiere die Resolution des Europaparlaments in keinster Weise: was für einen Einfluss wird das auf zukünftige Gespräche mit der Türkei haben?

Markus Bernath: Es war eine Rede vor den AKP-Bürgermeistern des Landes in Ankara heute Vormittag. Erdogans Äußerung wird zur Annahme der Türkei-Resolution im Europaparlament am Nachmittag beitragen, davon kann man ausgehen. Es wird die vereinbarte Öffnung eines Verhandlungskapitels beim EU-Gipfel Ende dieses Monats nicht verhindern. Aber das Klima ist nun zweifellos angespannt.

Christoph Smaul, formerly known ass: Etwas pauschal gesagt: Glauben die Demonstranten, dass Erdogan allein "das Böse" ist, oder sehen sie die Dinge differenzierter. Stichwort "Türkische Geschichte/Kemalismus"?

Markus Bernath: Nein, ich denke, Erdogan hat durch seine Politik und durch seine harte Haltung noch während der Proteste alle Wut auf sich allein gezogen.

bjk66: Was sagen Sie zum Thema „Twitter und Facebook“ hier wurden ja zum Teil Falschinformationen verbreitet, z.B. Demonstrant wurde von einem Panzer überfahren, in Wirklichkeit war es ein Bootsunfall oder Tränengaseinsatz gegen einen Hund , wobei das Foto

Markus Bernath: Falschinformationen gibt es immer wieder, gezielt Unrichtiges können Sie auch in der besonders regierungstreuen Presse jeden Tag lesen. Erdogan ist ganz sicher der beste Redner auf der Bühne, aber nach zehn Jahren ist ein Teil der Türken seinen aggressiven Stil leid.

Ilford: will erdogan bzw. die türkei ihrer einschätzung nach überhaupt noch in die EU? viele, gerade säkulare, türken meinen, dass er die EU "benutzt" um seine politik durchzusetzen (stichwort: entmachtung des militärs)

Markus Bernath: Wenn ich es recht erinnere, hat Erdogan vergangene Woche in einer Rede die EU und deren Standards als "nützlich" für den Reformweg der Türkei bezeichnet. Er will sein Land in die EU bringen, weil er glaubt, dass die Türkei das Recht dazu hat. Er würde aber nicht einfach die Leistungen erbringen, die dafür notwendig sind - etwa die Öffnung der Häfen für Zypern.

happycreator: gibt es "jemand" dh. eine Plattform oder Person/Gruppe die die Protestbewgung repräsentiert? Wer z.B. geht hin, wenn Erdogan "Gespräche" anbietet?

Markus Bernath: Es gibt die Taksim-Platform, die sich mit den Umbauprojekten auseinandergesetzt hat. Die elf Personen, die Erdogan gestern zu sich eingeladen hat, sind eher eine bizarre Mischung, die von den Protestierenden nicht als repräsentativ angesehen wird: Ahmet Mümtaz Taylan, Schauspieler; Betül Tanbay, Uni-Dozent und Taksim-Platform-Vertreter; Hale Ciraci, Uni-Dozent; Ipek Akpinar, Uni-Dozentin; Kutlug Ataman, Filmregisseur; Nil Eyüboglu, Studentin und angeblich Tochter des Bauunternehmers Levent Eyüboglu (Abriss des historischen „Emek“-Kinos in Istanbul); Rumeysa Kiger, Künstler; Selva Gürdoga, Architektin; Zehra Önay, Expertin für soziale Medien; Zülfikar Kürüm, Uni-Dozent, Medienfachmann; Bülent Peker (schrieb einen Brief an Erdogan).

ModeratorIn: Sehr geehrte Leserinnen und Leser, leider ist die Stunde schon wieder vorbei. Wir konnten in dieser knappen Zeit nicht alle Fragen beantworten, bedanken uns aber trotzdem herzlich bei Markus Bernath, dass er sich heute Zeit für uns genommen hat. Bes

Markus Bernath: Ich danke auch für die guten Fragen. Kolay gelsin.

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