Die Kraft des besseren Arguments

12. Juni 2013, 09:46
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In den USA gehören sie längst zur Schulbildung - nun hat eine Wiener Schule einen Debattierclub gegründet

Wien - Schon wieder weiß ich nicht, wie ich die stichhaltigen Argumente meines Gegenübers kontern soll. Er ist schlagfertig und kann jede seiner Aussagen mit konkreten Beispielen untermauern. Eigentlich kann ich jetzt nur noch zugeben, dass er Recht und ich Unrecht habe.

Wahrscheinlich erging es jedem schon einmal ganz ähnlich: Während einer erhitzten Diskussion muss man die Meinungen der redegewandteren Person als richtig anerkennen, bloß weil einem die eigenen Argumente ausgehen. Man ist seinem Diskussionspartner rhetorisch einfach unterlegen.

Um für Streitgespräche besser gerüstet zu sein, gibt es Debattierclubs, in denen die freie Rede als Disziplin aufgefasst wird, die man handwerklich beherrschen muss – gleich einem Muskel, der wächst, wenn man ihn trainiert. So lernt man allmählich, wie man seinen Diskussionspartnern die Stirn bietet. Wer wirklich geübt ist, kann wahrscheinlich sogar Lehrer von seiner Meinung überzeugen.

Die Faszination an freien Reden vor Menschenmengen gab es schon bei den Griechen und Römern. Damals konnten Größen wie Sokrates oder Cicero das Publikum mit ihren rhetorischen Fähigkeiten für sich gewinnen.

Danach geriet die öffentliche Redekunst lange in Vergessenheit, bis schließlich 1770 der weltweit erste Debattierclub am Trinity College in Dublin gegründet wurde. In den USA sind rhetorische Schulungen fixer Bestandteil des Bildungssystems, fast an jeder Schule gibt es neben Sportteams auch Debattierclubs.

In Österreich wurde der erste Debattierverein 2002 gegründet, insgesamt gibt es mittlerweile neun.  Dieses Jahr hat auch die Bundeshandelsakademie Wien 10 ein Freifach Debattierclub eingeführt.

Beim Debattieren handelt es sich nicht um ungeordnetes Diskutieren – wie es etwa in vielen Internetforen der Fall ist –, vielmehr gibt es klar definierte Regeln. Unter den verschiedenen Arten des Debattierens zählt die "Offene Parlamentarische Debatte“ zu den Üblichsten. Dabei nehmen drei Teams teil, die jeweils in Regierung, Opposition und freien Rednern unterschieden werden.

Nachdem die Streitfrage bekanntgegeben wird, haben Regierung und Opposition 15 Minuten Zeit, sich auf die Debatte vorzubereiten. An unserer Schule haben wir beispielsweise über ein allgemeines Werbeverbot debattiert; oder ob ein Elternführerschein eingeführt werden soll. Die eigene Meinung spielt dabei überhaupt keine Rolle, denn die Positionen werden per Los zugeteilt.

Nur die freien Redner müssen sich erst im Verlauf der Debatte für eine Seite entscheiden und können diese durch eine dreiminütige Rede unterstützen. Danach beurteilt die Jury die Redner anhand Kriterien wie Sprachkraft, Kontaktfähigkeit und Sachverstand. 

Durch Debattieren lernt man, sich verstärkt mit aktuellen Geschehnissen zu befassen und Themen möglichst differenziert zu betrachten. Ebenso wird die eigene Argumentations- und Ausdrucksfähigkeit verbessert. Also alles Dinge, die einem auch im zukünftigen Berufsleben weiterhelfen, etwa im Bewerbungsgespräch.

Außerdem werden viele Leute erst durchs Debattieren ihrer eigenen Meinung bewusst. Man lernt, nicht alles zu glauben, was einem erzählt wird, sondern Dinge zu hinterfragen und gegen den Mainstream zu schwimmen. (Stefan Rohshap, DER STANDARD, 12.6.2013)

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