Eine helfende Hand nimmt nicht jeder an

12. Juni 2013, 09:43
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Als die Muslimische Jugend zur Hochwasserhilfe aufrief, reagierte die FPÖ Traismauer mit einem diskriminierenden Facebook-Kommentar

Emmersdorf - Verschluckte Bäume. Eingetunkte Häuser. Berge von Holz, Blech, Metall. Und überall brauner, stinkender Schlamm.

Wir stapfen durch die einst so beschauliche Gemeinde Emmersdorf an der Donau, begleitet vom Schmatzen unserer Gummistiefel. Die Sonne scheint zum ersten Mal seit dem Unwetter und hüllt die Spur der Verwüstung, die sich vor unseren Augen abzeichnet, in ein warmes, hoffnungsvolles Licht.

Das Wasser ist in den letzten Tagen zwar enorm zurückgegangen, doch überflutet bleiben die Keller trotzdem. Auch wenn wir alle die Nachrichtenbilder gesehen haben - das Gefühl, das wir jetzt am Ort des Geschehens haben, konnten sie uns nicht vermitteln.

An die 150 Jugendliche der Muslimischen Jugend Österreich (MJÖ) boten den Menschen in Emmersdorf bei Melk letztes Wochenende ihre Hilfe an. Es wurde geschaufelt, entrümpelt, aufgewischt, viel gelacht - und gebetet wurde auch.

"Der Beste unter euch ist derjenige, der den Menschen am nützlichsten ist", lautet ein Ausspruch des Propheten Mohammed, welcher auch als Motto für unsere Aktion gilt. Er soll uns lehren, dass wir der Gesellschaft, in der wir leben, von Nutzen sein müssen, egal welche Religion oder Nationalität in dieser überwiegt, erklärt Sarah, langjähriges Mitglied der MJÖ.

Muslime gleich Ausländer?

Das sehen leider nicht alle Österreicher so. Kurz nachdem die MJÖ ihren Aufruf zur Hochwasserhilfe veröffentlicht hat, erscheint auf der Facebook-Seite der FPÖ Traismauer ein hetzerischer Kommentar (siehe Foto). Das Posting schlug so hohe Wellen. dass es schon bald nach der Veröffentlichung entfernt wurde. Der Diskussionsstoff bleibt.

Der Vorfall wurde von den Medien in die Kartei "Ausländerhetze" gesteckt. Doch warum werden muslimische Jugendliche eigentlich immer gleich mit "Ausländer" assoziiert? Anscheinend haben manche nicht mitbekommen, dass es sich hier um eine Aktion von Österreicher für Österreicher handelt. Die Mitglieder der MJÖ sind österreichische Jugendliche mit unterschiedlichen Wurzeln. Sie haben ihr ganzes Leben hier verbracht und fühlen sich folglich diesem Land - ihrem Heimatland - verpflichtet. Oder wie sich die 16-jährige Schülerin Nesrin ausdrückt: "Als Bürgerin Österreichs habe ich mich gezwungen gefühlt, meinen Mitmenschen zu helfen."

Die Bewohner von Emmersdorf wollen uns aufgrund der Aktion der FPÖ Traismauer unbedingt davon überzeugen, dass wirklich nur ein Bruchteil unserer Mitbürger so denkt. "Ihr seid die echten Österreicher! Wir sind stolz auf euch!", ruft uns eine ältere Dame zu, als wir uns am Ende des Tages wieder auf den Weg zum Hauptplatz von Emmersdorf machen. Müde, erschöpft und von oben bis unten mit Schlamm bedeckt, warten wir auf unsere Busse, die uns zurück zum Bahnhof in Krems bringen sollen.

Der Gedanke an die warme Dusche zu Hause kreist wohl vielen von uns jetzt im Kopf herum. Aber wie erschöpft wir auch sein mögen - es hat sich ausgezahlt. "Wenn man weiß, dass man etwas Gutes getan hat, fühlt man sich extrem glücklich und stolz auf das Gemeinschaftsgefühl, das zwischen den Menschen besteht", sagt Nesrin. (Esma Bosnjakovic, DER STANDARD, 12.6.2013)

Esma Bosnjakovic (17) maturiert heuer am Bundesgymnasium Perchtoldsdorf. Sie ist Mitglied der Muslimischen Jugend Österreich.

  • Auslöser der Empörung war ein Facebook-Posting der FPÖ Traismauer. Dieses wurde mittlerweile gelöscht - was jedoch nicht an der Orthografie lag.
    foto: mjö

    Auslöser der Empörung war ein Facebook-Posting der FPÖ Traismauer. Dieses wurde mittlerweile gelöscht - was jedoch nicht an der Orthografie lag.

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    foto: screenshot/der standard
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