Warum in manchen Wäldern Afrikas bald keine Tiere mehr leben

Interview14. Juni 2013, 05:30
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WWF-Biologe Johannes Kirchgatter über die Auswirkungen der Wilderer-Überfallkommandos

Ähnlich wie beim Drogenhandel spannt sich auch das kriminelle Netzwerk der Wilderei um den Globus. Vor allem afrikanische Rebellengruppen bereichern sich am Handel mit Elfenbein. Bei der brutalen Jagd auf Elefanten und Nashörner mussten bereits tausende Tiere in ganz Afrika ihr Leben lassen. In der Zentralafrikanischen Republik drangen im Mai bewaffnete Wilderer in den Nationalpark Dzangha-Sangha ein und schlachteten mehr als ein Dutzend Elefanten ab.

Johannes Kirchgatter ist Geograf und Biologe und für die Naturschutzorganisation WWF immer wieder in betroffenen Nationalparks tätig. Er erzählt, wie es sich anfühlt, bei einer Elfenbeinverbrennung dabei zu sein, welche Auswirkungen die Wilderei-Krise auf die Bevölkerung hat und warum die "Bushmeat"-Mafia in den Wäldern vom Affen bis zum Schuppentier alles abschießt.

derStandard.at: Warum werden vor allem Elefanten gejagt und getötet, selbst in geschützten Gebieten wie Dzangha-Sangha?

Kirchgatter: Unter anderem liegt das an dem immer stärker steigenden Elfenbeinpreis. Die Nachfrage hat durch den steigenden Reichtum in Asien enorm zugenommen. Dort gilt es immer mehr als Statussymbol, Gegenstände aus Elfenbein zu besitzen.

derStandard.at: Wie gehen die Wilderergruppen bei der Jagd auf Elefanten vor?

Kirchgatter: Meistens führen sie regelrechte Raubzüge durch. Im Zuge dessen kommen schwerbewaffnete Banden in das jeweilige Land und teilen sich in kleinere Gruppen auf. Diese Untergruppen haben unterschiedliche Aufgaben wie Bestechung, Erpressung oder eben Elefantenjagd. Durch die exorbitanten Gewinne aus dem Elfenbeinverkauf können sie sich hochtechnologisches Equipment leisten.

Die Ausrüstung reicht von Nachtsichtgeräten bis zu Schnellfeuergewehren. Im vergangenen Jahr waren sie in der Zentralafrikanischen Republik auch mit Raketenwerfern bewaffnet. Innerhalb weniger Tage und Wochen räumen diese Kriminellen eine ganze Region leer. Sie fallen in Naturparks ein und ziehen sich nach dem Raubzug schnell wieder über die Grenze zurück.

derStandard.at: Wie können solche Raubzüge verhindert werden?

Kirchgatter: Im vergangenen Jahr wurden im Norden Kameruns innerhalb weniger Tage zwischen 300 und 600 Elefanten in einem einzigen Park niedergemetzelt. Erst nach diesem Vorkommen konnte die Regierung überzeugt werden, eine schnelle Eingreiftruppe an der Grenze zu stationieren, um Überfallkommandos zu verhindern. Solche Raubzüge sind nicht nur eine Gefahr für die Nationalparks, sondern auch für die Sicherheit und Stabilität eines Landes. Diese Verbrechen müssen durch Zusammenarbeit aller Regierungen der Region unterbunden werden.

derStandard.at: Im April wurden die WWF-Mitarbeiter aus Dzangha-Sangha in der Zentralafrikanischen Republik evakuiert, weil man ihre Sicherheit nicht mehr garantieren konnte.

Kirchgatter: Evakuiert wurden nur die ausländischen Mitarbeiter, weil sie als Entführungsopfer besonders gefährdet sind. Die einheimischen Mitarbeiter sind auf eigenen Wunsch bei ihren Familien und Verwandten geblieben. Insgesamt versuchten die rund einhundert Personen vor Ort, den Park zu sichern. Gegen die schwer bewaffneten Eindringlinge konnten sie aber im Mai nichts ausrichten. Zudem wurden unsere Park-Ranger von den neuen Machthabern, die sich aus dem Rebellenbündnis Seleka zusammensetzen, entwaffnet.

derStandard.at: Sind die WWF-Mitarbeiter wieder zurückgekehrt?

Kirchgatter: Die beiden evakuierten Mitarbeiterinnen wurden noch nicht in den Park zurückgeschickt. Vor allem für weiße Frauen ist die Lage noch zu gefährlich. Dafür haben wir speziell ausgebildete Fachkräfte in die Region geschickt. Diese sollen Schäden aufnehmen, das Projekt wieder aufbauen und so gut wie möglich mit den neuen Machthabern verhandeln.

Das Forstministerium entsandte bereits eine gemeinsame Mission aus Angestellten des Ministeriums und Vertretern der Präsidialgarde. Die insgesamt 60 Männer sind vor Ort eingetroffen und mit den bereits stationierten Männern der Rebellentruppen zusammengetroffen. Diese Truppe soll in den Orten patrouillieren und Straßen sichern, damit die Wilderer nicht wieder einfallen können.

derStandard.at: Der Präsident von Gabun hat vor der Afrikanischen Entwicklungsbank zu diesem Thema gesprochen. Er fordert mehr Geld, um die Park-Ranger besser zu bewaffnen und auszubilden. Außerdem sollen Kinder besser über Artenschutz aufgeklärt werden. Würden diese Dinge helfen?

Kirchgatter: Bessere Ausrüstung und Unterstützung der Ranger ist das A und O. Prinzipiell werden auch in Friedenszeiten mehr Mitarbeiter benötigt. Ich denke, dass es gut ist, dass sich der gabunische Präsident in dieser Hinsicht bemüht. Es müssten sich aber auch die Regierungen im Kongobecken stärker dafür einsetzen, dass diese Kriminellen besser verfolgt werden. Zu oft werden bereits ertappte Wilderer entweder wieder freigelassen oder gar nicht erst festgenommen.

derStandard.at: Werden auch andere Tiere als Elefanten gejagt?

Kirchgatter: Neben der Wilderei auf Elefanten und Nashörner gibt es die sogenannte "Bushmeat-Mafia". Das ist eine regelrechte Industrie, die auf alles schießt, was sich bewegt. Dabei werden überwiegend Affen und Antilopenarten getötet. Der Proteinbedarf in der Region wird noch sehr stark mit Wildfleisch gedeckt, und dadurch wird der Wald ausgebeutet.

Bietet man den Menschen keine Alternativen zu Wildfleisch an, werden Wälder in ein paar Jahren vollkommen leer sein. Man spricht dabei vom Empty-Forest-Syndrom. Bereits jetzt gibt es zwei große intakte Wälder, die vollkommen leer sind. Dort wurde vom Vogel bis zum Affen und Schuppentier alles getötet.

derStandard.at: Welche Auswirkungen haben die Plünderungen der verbrecherischen Banden auf die Ranger und Angestellten des Parks?

Kirchgatter: Im Fall von Dzangha-Sangha sind diese verheerend, weil ein ganzes Land im Chaos versinkt. Durch den Nationalpark bekamen tausende Familien zumindest ein Zusatzeinkommen aus dem Ökotourismus oder anderen Projektaktivitäten vor Ort. Der existiert in solch einer Krise nicht mehr. Wenn der Park und die Umgebung geplündert werden, wird zudem die Lebensgrundlage vieler Menschen zerstört.

derStandard.at: Sie waren bei einer Aktion dabei, bei der Elfenbein verbrannt wurde. Hat das mehr symbolischen Charakter oder hilft es auch konkret, wenn man die Ressource vernichtet?

Kirchgatter: Natürlich ist es wichtig, durch solche Aktionen Aufmerksamkeit zu bekommen. Dadurch wird vor Ort auf das Problem hingewiesen und eine Diskussion begonnen. Aber es ist auch wichtig, diese illegalen Elfenbeinbestände dauerhaft dem Markt zu entziehen. Ein Lager mit Tonnen an beschlagnahmtem Elfenbein ist vor allem in einem Land mit wenig ausgeprägten Sicherheitsvorkehrungen eine große Versuchung. In der Region ist die Verbrennung der Ressource aber natürlich auch immer umstritten. Das vernichtete Elfenbein stellt einen enormen Vermögenswert dar. Der Verlust der Elefanten und die Zerstörung der Lebensräume sind für die Menschen aber im Endeffekt ungleich schlimmer. (Bianca Blei, derStandard.at, 14.6.2013)

  • Eine typische Ladung "Bushmeat" der Wilderer.
    foto: wwf

    Eine typische Ladung "Bushmeat" der Wilderer.

  • Johannes Kirchgatter ist regelmäßig in Dzangha-Sangha.
    foto: wwf

    Johannes Kirchgatter ist regelmäßig in Dzangha-Sangha.

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