Der Mensch als physiologische Frühgeburt

2. Juli 2013, 12:04
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Die Evolution hat bei der menschlichen Entbindung kein Erbarmen gehabt

Die menschliche Geburt ist eine Strapaz, das können vermutlich viele Frauen bestätigen. Schmerzvoll sind die Wehen, anstrengend ist auch der Weg des Kindes durch den Geburtskanal. Und bis der erste Schrei eines Neugeborenen ertönt, vergeht auch noch eine beträchtliche Zeit.

Opiate und Periduralanästhesie stehen bei einer natürlichen Geburt den schmerzgeplagten Frauen heute zur Verfügung. Der Kaiserschnitt auf Wunsch liegt mittlerweile im Trend.

Die Evolution hat bei der menschlichen Entbindung kein Erbarmen gehabt: Der Mensch von heute ist nicht fürs Gebären gemacht.

Großer Kopf, kleiner Ausgang

Das Problem ist der aufrechte Gang. Der knöcherne Beckenring trägt in dieser Körperhaltung den Großteil des menschlichen Körpergewichts. Deshalb ist er starr und wenig dehnungsfähig, um dem Druck standzuhalten. Unterstützt wird die Zweibeinigkeit von der Beckenbodenmuskulatur, die Bauch- und Beckenorgane an Ort und Stelle hält und für den Verschluss von Harnröhre und Anus sorgt.

Damit noch nicht Handicap genug, hat die zunehmende Hirnleistung des Menschen im Laufe der Evolution zu einer nicht unbeträchtlichen Kopfgröße geführt. Bei der Öffnung im knöchernen Beckenring der Frau hat sich dagegen wenig getan. Verglichen mit dem Schädel eines neugeborenen Kindes ist diese ziemlich klein. Der Knick am Beckenausgang, ebenfalls eine Errungenschaft des aufrechten Gangs, macht dem Nachwuchs den Weg nach draußen nicht leichter. Er muss eine Drehung vollziehen, um erfolgreich zu passieren.

Nicht überlebensfähig

"Der Schweizer Zoologe und Anthropologe Adolf Portmann hat den Menschen als physiologische Frühgeburt bezeichnet", sagt Franz M. Wuketits, Philosoph und Vorstandsmitglied des Konrad-Lorenz-Instituts für Evolutions- und Kognitionsforschung im niederösterreichischen Altenberg. Portmann hatte zweifelsohne recht. Neu geboren ist der Mensch auf die permanente Hilfe anderer angewiesen, alleine praktisch nicht überlebensfähig.

Tatsächlich erreicht der Mensch erst ein Jahr nach seiner Geburt den Reifungszustand, den er - im Vergleich zu anderen Säugetieren - eigentlich schon bei seiner Geburt verwirklichen müsste. "Der Kompromiss der Natur war, den Menschen früh und unfertig durch das Becken der Frau zu entlassen", sagt Wuketits. Der fürsorgliche Instinkt für den eigenen Nachwuchs gibt dieser Entwicklung glücklicherweise fast immer recht. (Regina Walter, derStandard.at, 2.7.2013)

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    Der Kaiserschnitt auf Wunsch wird von immer mehr Frauen in Anspruch genommen.

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