Algorithmus identifiziert Patienten mit Temporallappen-Epilepsie

12. Juni 2013, 08:17
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Computermethode zur Lokalisierung und Identifizierung Betroffener

Barcelona - In den vergangenen Jahren gab es in der Therapie von Epilepsie große Fortschritte, von denen jedoch bis dato nur ein Bruchteil der Betroffenen profitiert. Besonders bei neuen Behandlungsformen ist der Zugang unterschiedlich, wie bei der Epilepsiechirurgie, mit Hilfe derer bei fokalen Epilepsien anfallserzeugende Hirnareale entfernt werden. Diese in spezialisierten Zentren durchgeführten neurochirurgischen Verfahren werden angewendet, wenn Medikamente nicht zum gewünschten Ergebnis einer dauerhaften Anfallsfreiheit führen.

Die Auswahl der Patienten für Epilepsiechirurgie erfolgte bislang durch die Suche in der Gehirnbildgebung nach Narbenbildung im Hippocampus, dem zentralen Kriterium. Was bisher sehr viel Zeit in Anspruch nahm, erledigt ein neuer Algorithmus automatisch, der nun für Ärzte weltweit und kostenlos im Internet zur Verfügung steht. Britische Forscher haben beim 23. Meeting der Europäischen Neurologengesellschaft (ENS) in Barcelona die Ergebnisse von über 1.000 Gehirnscans präsentiert, die sie auf diese Weise analysierten.

"Der Algorithmus identifiziert Patienten mit Temporallappenepilepsie genauso exakt wie menschliche Begutachter Durch die Lokalisierung und Identifizierung der Patienten kann die Computermethode die Reichweite der verfügbaren Behandlungstechniken – und somit auch deren Kosteneffekt - deutlich verbessern," sagt Hannah Cock, von der St. George's University in London.

Trendthema microRNA

Fortschritte gibt es auch im Verständnis der Krankheit selbst. Als "vielversprechende Grundlagenforschung" bezeichnete Cock die in Barcelona präsentierte Arbeit von Wissenschaftlern der chinesischen Central South University in Changsha, die am Rattenmodell das Zusammenspiel verschiedener Beteiligter an Entzündungsprozessen im Hippokampus untersuchte, die bei Epilepsie eine Rolle spielen. "MicroRNA wird eines der heißen Themen der Epilepsieforschung dieses Jahrzehnts sein", prognostiziert Cock.

Die chinesische Studie zeigte erstmals eine interaktive Beziehung verschiedener Faktoren, deren Gestaltung von der jeweiligen Phase der Epilepsieerkrankung abhängt. "Die Modulierung der Micro-RNA stellt ein völlig neues Ziel für die Epilepsie-Behandlung dar. Allerdings wird es noch etliche Jahre dauern, bis daraus ein anwendbarer therapeutischer Ansatz entsteht", so Cock.

Augenmerk auf Begleiterkrankungen

Zunehmend richtet die Behandlung von Epilepsie zudem ihren Blick auf Begleiterkrankungen wie Gemüts- oder Gedächtnisstörungen, die sich mitunter drastisch auf die Lebensführung der Betroffenen auswirken - teils noch mehr als die epileptischen Anfälle selbst. Einblicke geben hier türkische Forscher der Bakirköy-Klinik für Neurologie und Psychiatrie in Istanbul: Sie ermittelten die psychiatrischen Beschwerden, die bei 60 Patienten mit zwei Formen der Epilepsie - der Temporallappenepilepsie und der juvenilen myoklonischen Epilepsie - auftraten, sowie deren Auswirkungen auf die Lebensqualität. Die Studienautoren führten parallel zur Diagnose strukturierte klinische Interviews, zudem gab es eine 30-köpfige Kontrollgruppe ohne Epilepsie.

Es zeigte sich, dass 57 Prozent der untersuchten Patienten mit Temporallappenepilepsie und 37 Prozent jener mit der juveniler myoklonischer Form mindestens eine schwerwiegende klinische psychiatrische Störung aufwiesen, beispielsweise depressive oder schizophrene Episoden und Panikattacken. In der Vergleichsgruppe war dies hingegen nur zu 23 Prozent der Fall. Betroffene, die an der juvenilen Form der Krankheit litten, waren mehr im Bereich der Aufmerksamkeit und Konzentration eingeschränkt, während Temporallappen-Epileptiker vermehrt mit sozialer Isolation und Erschöpfung konfrontiert waren.

Sorgen bereitet Cock der Umstand, dass Epilepsie-Patienten ihren Ärzten die Begleiterkrankungen nicht mitteilten, solange sie nicht danach gefragt wurden. "Komorbiditäten müssen erkannt und behandelt werden. Dies ist ebenso wichtig für die Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit Epilepsie wie die optimale Kontrolle der Anfälle", sagt die Expertin. (red, derStandard.at, 12.6.2013)

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