Biedermeierlicher Revoluzzer

11. Juni 2013, 19:11
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Retrospektive zum Werk von Johann Baptist Reiter in Linzer Stadt- und Schlossmuseum

Linz - Schlossmuseum Linz und Stadtmuseum Nordico zeigen zum 200. Geburtstag des biedermeierlichen Virtuosen Johann Baptist Reiter die bislang umfassendste Retrospektive zu dessen Oeuvre. Reiters international bekannten Kinderporträts sind im Schloss - Selbstbildnisse, Genrebilder und vor allem bemerkenswerte Frauenporträts im Nordico zu sehen.

Eine Ausstellung, die sozusagen das Tafelsilber beider Häuser zusammenträgt, sagt Elisabeth Nowak-Thaller, die gemeinsam mit Kathrin Hausberger kuratierte. Stolz präsentiert Nowak-Thaller bei einem Rundgang auch etliche Leihgaben, die aus insgesamt 15 Museen - u. a. Belvedere, Leopold-Museum, Wien-Museum - und privaten Kollektionen nach Linz gekommen sind.

Reiters Werk wurde nicht chronologisch, sondern themenspezifisch aufbereitet; Alltagsgegenstände aus beiden Sammlungen tragen zum Gesamtbild bei: So überraschen etwa Repliken von alten Papiertapeten mit dem Umstand, dass so mancher Bürger offenbar gerne vor der metternichschen Bespitzelung zu Hause in farb- und motivtechnisch psychodelische Untiefen abtauchte. Restaurierte Kleider, Hüte und Schmuck vervollständigen die Schau ebenso, wie eine künstlerische Intervention von Peter Weibel und ein Raum mit zeitgenössischen Beiträgen von Kunststudierenden ("Neobieder").

Wirklich bemerkenswert aber sind jedoch Reiters Frauenbildnisse: einerseits repräsentative Porträts gutbürgerlicher Damen, andererseits erotische Darstellungen und Bildnisse von Arbeiterinnen. Egal ob Marktverkäuferin, junge Frau im Negligé oder Die Emanzipierte, eine berühmte Arbeit Reiters, allesamt stellen stolze, selbstbewusste Frauen dar. Egal an welchem Ort, in welcher Haltung und in welcher gesellschaftlichen Stellung die Dargestellten sich befinden, sie halten dem Blick stand. Ein Kontrapunkt zum historisch lange tradierten Bild einer biedermeierlichen Frau, die sich zu Hause und dort möglichst still mit Stickwerk beschäftigen möge.

Politisches Statement

Geboren ist Johann Baptist Reiter 1813 in Urfahr (heute Linz), nach einer Tischlerlehre in der Werkstatt des Vaters begann er mit 17 Jahren an der Akademie der bildenden Künste in Wien zu studieren. 1836 erhält er ein Stipendium von den oberösterreichischen Landständen und widmet sich der Bildnis- und Genremalerei. 1847 fertigt er Arbeiterbilder an, malt unter anderem sich und seine Frau als sogenannte "Erdarbeiter". Diese ohnehin schlecht gestellten, prekär Beschäftigten - unter ihnen viele Frauen - mussten kurz davor Lohnkürzungen hinnehmen; Aufstände waren die Folge.

Reiters Porträts sind also ein politisches Statement. Gerade die beiden Porträts seien oft falsch gedeutet worden, betont Nowak-Thaller Reiters bewusst revolutionäre Haltung.   (Wiltrud Hackl, DER STANDARD, 12.6.2013)

Bis 3. 11.

  • Selbstbewusst, aber auch mit männlicher Attitüde: "Die Emanzipierte" (undatiert) von Johann Baptist Reiter aus dem Landesmuseum ist derzeit im Linzer Nordico zu sehen.
    foto: nordico

    Selbstbewusst, aber auch mit männlicher Attitüde: "Die Emanzipierte" (undatiert) von Johann Baptist Reiter aus dem Landesmuseum ist derzeit im Linzer Nordico zu sehen.

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