Warum der Elefant gern ein Ohr zudrückt

11. Juni 2013, 18:42
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Die Anatomie von Elefanten ist weniger gut erforscht, als man glauben könnte - Untersuchungen von Wiener Forschern konnten nun ein paar offene Fragen beantworten

Wie seziert man einen Elefanten? "Wir versuchen am Beginn das Tier ganz zu lassen", sagt Gerald Weissengruber von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Die toten Tiere werden dabei mit Seilzügen und Kransystemen bewegt. Und wo bekommt man einen toten Elefanten her, um ihn zu sezieren? Einmal sei ein Schönbrunner Zooelefant gestorben, und Weissengruber konnte das Kniegelenk sezieren. "Die Verfügbarkeit von Zoomaterial lässt sich allerdings nicht planen", sagt er. Auch ein ehemaliges Zirkustier aus Deutschland kam ihm bereits unter das Skalpell.

Der wirkliche "Glücksfall", genügend Elefanten für die anatomische Forschung in Wien zu haben, nahm im Jahr 2001 seinen Ursprung. Eine Dissertantin, die gerade in Südafrika forschte, berichtete, dass die University of Pretoria über 15 in Formalin konservierte Afrikanische Elefanten (Loxodonta africana) verfügte, juvenile Tiere aus dem Krüger-Nationalpark. Die Zusammenarbeit, die sich daraufhin mit dem südafrikanischen Institut ergab, war für die Vetmed-Uni Wien und für Gerald Weissengruber ein Gewinn.

Mittlerweile hat der Veterinärmediziner ungefähr 20 Elefanten seziert und neue anatomische Erkenntnisse über Kopf und Extremitäten gewonnen. Seine neuesten Forschungen - die auch bei der vor kurzem in Wien stattgefundenen International Conference on Diseases of Zoo and Wild Animals 2013 ausgezeichnet wurden - betreffen das Elefantenohr.

Es gibt Vermutungen, wonach die Ohren eine soziale Funktion haben, sie also der Kommunikation zwischen den Tieren dienen. Sie sollen auch für die Abwehr von Insekten gebraucht werden und eine Rolle bei der Thermoregulation der Tiere spielen. Vieles sei dabei im Bereich von "man sagt" und ist noch nicht bewiesen, sagt Weissengruber. Die Organe sind jedenfalls etwa im Vergleich zum Menschen von überproportionaler Wichtigkeit.

Muskeln schließen das Ohr

Erwiesen ist, dass der Elefant seinen äußeren Gehörgang verschließen kann. Weissengruber hat mit seinen Kollegen nun die anatomischen Grundlagen dieser Eigenschaft beschrieben, die sonst nur von Meeressäugetieren, den Ohrenrobben (Otariidae), bekannt ist. Wenn der Elefant sein Ohr schließt, ziehen bestimmte Muskeln einen eingerollten, sich überlappenden Knorpel mit etwa fünf oder sechs Zentimeter Länge zusammen, erklärt der Wissenschafter. Eine Konstruktion, die so nur beim Elefanten bekannt ist.

Die Ohrmuschel selbst, die über einen Meter groß werden kann, ist auf ihrer ganzen Fläche mit Blut versorgt. Die Muskulatur, die sie bewegt, ist etwa im Vergleich zu Haussäugetieren äußerst stark ausgeprägt. In jenem Knorpel, der die Ohrmuschel bildet, befinden sich Löcher, die jene Nervenstränge und Blutgefäße aufnehmen, die die Vorderseite des Ohrs versorgen. "Eine eigentümliche Konstruktion", urteilt Weissengruber. Oberfläche und Blutversorgung der Ohren scheinen eine Rolle im Thermalhaushalt der Tiere zu spielen.

Forscher um Nicole Weissenböck von der Universität Wien haben bereits vor ein paar Jahren so genannte "thermale Fenster" beschrieben, die an den Elefantenohren auftreten. Dabei handelt es sich um Regionen, deren Temperatur sich deutlich von jener des restlichen Körpers unterscheidet, kälter oder wärmer sein können. Weissengruber fand heraus, dass es sich dabei nicht um das Versorgungsgebiet einer Leitungsbahn handelt, sondern dass mehrere Nerven- und Gefäßäste daran beteiligt sind.

Schwere Sezierarbeit

Welche endgültige Rolle diese Fenster allerdings im Rahmen der Thermoregulierung haben könnten, ist nicht erforscht. Genauso wenig wie der Umstand, dass eine Aktivierung der Muskeln, die das Ohr bewegen, auch Auswirkungen auf den Knorpel im äußeren Gehörgang hat, wie Weissengruber herausgefunden hat: "Nur ich weiß nicht, welche Auswirkungen."

Ohnehin sei bemerkenswert, wie wenig die anatomischen Details der Elefanten erforscht sind: Der Grund dafür? "Es ist nicht nur schwer an Material zu kommen", sagt der Anatom. "Es ist auch viel Arbeit, einen Elefanten zu sezieren." Physische Arbeit, die sich niemand mehr antun wolle. "Die Makroanatomie ist eine aussterbende Disziplin, obwohl vieles noch nicht bekannt ist." Für die Sezierarbeit am Ohr wurde von den Forschern allein zweieinhalb Monate benötigt.

Seine früheren anatomischen Erkundungen widmeten sich dem erwähnten Kniegelenk und den Füßen der grauen Riesen. "Der Elefant hätte für den Menschen das bessere Kniegelenk", sagt er. Eine Höhlung in der Gelenkschale umschließt bei ihnen den Gelenkskopf, was ihn von anderen Säugetieren, auch vom Menschen unterscheidet, bei denen die Gelenkschale eher flach ist. Mensch und Elefant sind aber die einzigen mit einer nicht gebeugten Stellung der Beine. Die Elefanten haben die bessere Lösung für durchgestreckte Beine.

Auch Erkrankungen und Missbildungen treffen die Forscher bei den Tieren an: "Beim ersten Kniegelenk, das wir sezierten, hatte sich das vordere Kreuzband fast aufgelöst", sagt Weissengruber. Erst bei der Untersuchung von weiteren Exemplaren sei klar geworden, dass es sich dabei um eine krankhafte Veränderung handelt und nicht die Regel ist. Viele Elefanten, die in Gefangenschaft leben, leiden unter arthritischen Veränderungen und etwa Entzündungen der Zehennägel.

Fußballen wie Gelkissen

Auch zu den Fußballen konnte Weissengruber bereits Erkenntnisse beisteuern: Sie seien konstruiert wie Gelkissen und bestehen aus Fettgewebe, das durch Bindegewebsstraßen in mehrere Kammern unterteilt wird. Hebt der Elefant den Fuß, ist der Ballen rundlich, am Boden belastet dagegen flach und anliegend.

Die eigentümlichen Merkmale der Elefanten wie die verschließbaren Ohren und die besonderen Kniegelenke könnten auf eine evolutionäre Vergangenheit im oder in der Nähe des Wassers hindeuten. Nicht zufällig sind die Elefanten die nächsten noch lebenden Verwandten der Seekühe. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 12.6.2013)

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    Die Ohren des Afrikanischen Elefanten sind noch wenig erforscht. Sie könnten zur Kommunikation, zur Thermoregulation und zum Verscheuchen von Insekten dienen. Wiener Forscher konnten nun ein paar anatomische Details klären.

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