Soziale Arbeit auf Augenhöhe

11. Juni 2013, 19:09
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Wissenschaftskooperation statt Entwicklungshilfe ist das Motto eines österreichisch-afrikanischen Forschungsprojekts

Neue Ansätze sollen dabei helfen, den Eurozentrismus zu überwinden und lokale Sozialpraktiken miteinzubeziehen.

Gleich am Beginn von Helmut Spitzers Aufsatz Soziale Arbeit in Afrika steht die eigene Dekon­struktion: Die soziale Arbeit in Afrika gibt es nicht. Der Kontinent umfasst schließlich 54 Staaten, die sich kulturell, sprachlich, klimatisch, sowie ökonomisch stark unterscheiden können.

Spitzer fordert daher eine länderspezifische und politische afrikanische Sozialarbeit. Der Professor im Studiengang Soziale Arbeit an der Fachhochscule Kärnten leitet das Projekt "Prosowo" (Promotion of Professional Social Work towards Social Development and Poverty Reduction in East Africa). Ein "multiperspektivisches Projekt" nennt es Spitzer: "Wir verzahnen Forschung mit Lehrplanentwicklung und politischem Lobbying."

Die gleichberechtigte Zusammenarbeit aller wissenschaftlichen Institute ist Spitzer dabei besonders wichtig. Im Rahmen von Prosowo kooperiert die
FH Kärnten mit vier ostafrikanischen Hochschulen aus Kenia, Uganda, Ruanda und Tansania. "Wissenschaftskooperation, nicht Entwicklungshilfe", ist das Motto des Projekts, betont Spitzer: "Zusammenarbeit auf Augenhöhe und ein horizontaler Dialog."

Das Projekt ist in einen Afrika-Schwerpunkt an der FH Kärnten eingebettet. So haben Studierende die Möglichkeit, durch Austausch und Studienreisen ihr Forschungsfeld vor Ort kennenzulernen.

Empirisch wird die Rolle und Situation der sozialen Arbeit in einzelnen afrikanischen Ländern erforscht. Kürzlich erschien eine ausführliche Studie zu Uganda. Diese Daten fließen wiederum direkt in die Weiterentwicklung von Lehrplänen des Studiums der sozialen Arbeit ein. "Hier haben wir bereits phänomenale Forschungsergebnisse", sagt Spitzer. Einerseits sollen europäische Institutionen afrikaspezifische Lehrpläne besser gestalten können. Anderseits soll die Lehre in Ostafrika selbst gestärkt werden.

Denn neben dem Problem, dass die unterschiedlichen Länder über einen Kamm geschert werden, ist das Hauptproblem der Eurozentrismus. Durch eine Dominanz von aus Europa "importierten" Theorien und Methoden werden indigene und traditionelle Herangehensweisen völlig ausgeblendet.

"Viele Theorien sind aufgrund ihrer westlichen Prägung völlig daneben", sagt Spitzer. Daher sei derzeit ein lautstarker "Ruf nach Indigenisierung" zu hören. Einerseits seien die grundlegenden Situationen der Länder zu berücksichtigen, die von Armut und sozialer Ungleichheit, Aids und Bürgerkrieg gebeutelt sein können. Die soziale Arbeit müsse daher in einen breiteren Rahmen gestellt werden: "soziale Entwicklung". Dieser Ansatz betont, dass die soziale Situation nicht losgelöst von der wirtschaftlichen behandelt werden kann.

Indigenisierung heißt aber vor allem auf den vorhandenen kulturellen und spirituellen Sozialpraktiken aufzubauen. So lege etwa die Idee des tansanischen kujitegema – das Spitzer mit "Vertrauen in die eigenen Kräfte" übersetzt – den Grundstein zum Prinzip der Hilfe zu Selbsthilfe. Auch Konzepte wie das süd- und ostafrikanische ubuntu oder das kenianische System des harambee seien für die soziale Arbeit entscheidend. Sie formulieren grundsätzliche Ethiken des Zusammenlebens und der Solidarität.

Zudem sollen Sozialarbeiter geschult werden, mit traditionellen Heilern zusammenzuarbeiten, da diese oft ein viel höheres Ansehen genießen und da die Heilkunst oftmals Soziales behandle.

Bereits vor Prosowo war Spitzer mit den afrikanischen Institutionen in engem Kontakt. "Im Vorfeld des Projekts haben wir uns dann zusammengesetzt und eine Woche lang Tag und Nacht an einem Konzept gearbeitet", erzählt er. Das dreijährige Projekt läuft noch bis März 2014 und wird von "Appear", dem entwicklungspolitischen Hochschulkooperationsprogramm des Österreichischen Austauschdiensts (OeAD) gefördert. Es wird mit in einer großen Konferenz abgeschlossen.

Gender-Perspektive

Eines der Hauptthemen wird dabei die Gender-Perspektive sein, ohne die man über Armut und Entwicklung überhaupt nicht sprechen könne, betont Spitzer. Homosexualität sei dabei ein besonders explosives Thema. Aus dem Projekt wird ein Handbuch für soziale Arbeit mit spezifischem Afrika-Bezug hervorgehen. Spitzer schrieb die Einleitung und ist damit einziger nicht-afrikanischer Autor.

Neben dem gemeinsamen Konzipieren der Forschungsmethoden sei das Publizieren in der Kooperation sehr wichtig gewesen. "Die afrikanischen Kollegen hatten sonst oft wenig Möglichkeiten akademisch etwas zu produzieren." Im Rahmen von Prosowo konnten auch Weiterbildungen wie akademisches Schreiben angeboten werden. Spitzer sieht sich in dieser Hinsicht als Mentor, der sich aber immer mehr zurückziehen will. Denn hinter dem Projekt stehe klar ein "Empowerment-Gedanke". (Julia Grillmayr /DER STANDARD, 12.6.2013)

 

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    Armut, Hunger und Kriege prägen das Leben in Ostafrika. Forscher untersuchen nun die Rolle der sozialen Arbeit in den einzelnen Ländern und suchen nach neuen Lösungen.

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