Das ganze Leben muss neu geschaffen werden

11. Juni 2013, 18:15
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Umfangreiche Werkschau des experimentierfreudigen sowjetischen Fotografen Alexander Rodtschenko in Wien - Mit Ansichtssache

Wien - "Jede neue Sicht löst eine Revolution aus", schrieb Alexander Rodtschenko 1920. Er war damals 29 Jahre alt, die russische Revolution gerade drei Jahre jung. Rodtschenko hatte sich bereits als futuristischer Maler, als Aktivist und vor allem als Grafiker einen Namen gemacht, seine Collagen für Plakate, Buchumschläge, Zeitungstitel begleiteten und feierten den gesellschaftlichen Aufbruch der frühen Sowjetunion.

Nun war er drauf und dran, die Fotografie, derer er sich bisher nur mit der Schere bedient hat, für sich zu entdecken.

In Bildern sah der begeisterte Avantgardist die beste Möglichkeit, Kritik an der alten Welt und Botschaften von einer neuen, besseren zu vermitteln. Mit ihnen konnte er die ungestümen Forderungen des russischen Konstruktivismus - technische Formensprache, geometrische Abstraktionen, radikale Absage an Romantik oder Naturalismus bis hin zu Malewitschs Schwarzem Quadrat -, aber auch seine lyrischen Ambitionen in Schwarz-Weiß übersetzen.

So steuerte er bald eigene Fotos zu seinen Collagen bei, begann eine umfangreiche Serie von Porträtbildern - sein Freund Wladimir Majakowski stand ihm von Anfang an Modell - und entwickelte eine eigene Formensprache, die zu einem wesentlichen Beitrag in der Geschichte der Fotografie geriet.

Diesem Beitrag ist die Ausstellung Alexander Rodtschenko - Revolution der Fotografie in der Westlicht Galerie gewidmet. Mit rund 200 Arbeiten, fast alles Silbergelatine-Vintage-Prints und Collagen, sprengt die Schau beinahe die Dimensionen der Fotogalerie in der Wiener Westbahnstraße. Dabei ist sie nur ein Teil dessen, was vor einigen Jahren im Haus der Fotografie Moskau gezeigt wurde und dann durch mehrere große Museen tourte.

Absage an güldenen Zierrat

"Es ist die Crème der Bilder", sagte Olga Swiblowa, Kuratorin und Direktorin des Moskauer Hauses, bei der Eröffnung. Ihre Institution betreibt seit den 1990er Jahren die Sammlung und Katalogisierung der Arbeiten Rodtschenkos. "Sie sehen, wie der Künstler immer ein Auge darauf hatte, dass (und wie) die Fotos verwendet wurden - er war ja weiter auch als Monteur grafischer Elemente tätig. Er schuf ein neues visuelles Alphabet, gemäß seinem Diktum, dass das ganze Leben neu geschaffen werden müsse."

Zum Alphabet des in St. Petersburg geborenen Künstlers gehörten, wie man an etlichen Beispielen sehen kann, Diagonalen und stürzende Linien, die einen beruhigenden Horizont fast durchgehend verdrängen; damit zusammenhängend ungewöhnliche Blickwinkel bis zur Senkrechten; und die Betonung technischer Details, architektonischer Leistungen und abstrakter Muster und Licht-Schatten-Spiele.

Technisch kam ihm entgegen, dass er die Leica-Kamera für sich entdeckte, " die einzige, die ohne Fehler funktioniert", wie er einmal seiner Frau und künstlerischen Gefährtin Warwara Stepanowa schrieb.

In den Zwanzigerjahren konnten sich sowjetische Künstler noch mit dem Westen austauschen. "Es fand eine wechselseitige Befruchtung statt", sagte Swiblowa, "zwischen Bauhaus, Künstlern wie Moholy-Nagy oder Man Ray und den Russen." Der "Arbeiterklub", den Rodtschenko entwarf und mit eigenen Arbeiten ausstattete (nicht im Westlicht zu sehen, aber in der Galerie Tretjakow / 20. Jahrhundert in Moskau), hätte in Dessau oder Berlin stehen können und war auch noch im Einklang mit dem, was die bolschewikische Führung guthieß: Absage an bürgerliche Schnörkel und güldenen Zierrat - eben die neue Welt.

Gerne sah der Kreml auch die freudig an allem teilhabenden jungen Pioniere, die Rodtschenko abbildete. Doch ab den frühen Dreißigerjahren wurde die konstruktivistische Formensprache, darunter viele seiner Arbeiten, als "formalistisch" kritisiert.

Es war eine Zeit, in der Rodtschenko schmerzlich bewusst wurde, dass er die poetische Seite seines Schaffens immer mehr einschränken musste. Sein von der politischen Entwicklung ernüchterter Freund Majakowski hatte sich 1930 erschossen. Privat soll Rodtschenko zwar weiterhin, so die Kuratorin, ein glücklicher Mann gewesen sein. Doch arbeiten durfte er nicht mehr viel, und es machte ihm auch nicht mehr so viel Spaß: " weil er allein war mit seinem Wissen, ohne Freunde, ohne Umfeld", wie Swoblowa Rodtschenkos Tochter Warwara zitiert. Die Ausstellung zeigt einige Arbeiten aus seiner Spätphase, relativ brave Dokumentarbilder aus dem Zirkus und Titelfotos für Soviet Life.

"Ein sozialistisches Land", fragte er damals resignativ und rhetorisch, " braucht also keinen Bauchredner oder Zauberer?"    (Michael Freund, DER STANDARD, 12.6.2013)

  • Kontrast, Geometrie, Diagonale - das moderne Leben stürzt über Russland herein. Rodtschenko, Mädchen mit Leica, 1934.
    foto: westlicht

    Kontrast, Geometrie, Diagonale - das moderne Leben stürzt über Russland herein. Rodtschenko, Mädchen mit Leica, 1934.

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