"Absurde Verschwendung von Ressourcen"

Interview11. Juni 2013, 19:06
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Edeltraud Hanappi-Egger: Suche nach Talenten von Effizienz diktiert - Genderforscherin schlägt ein neues Bildungsverständnis vor

Die Genderforscherin schlägt ein neues Bildungsverständnis vor. Peter Illetschko fragte nach.

Standard: Politiker fragen häufig: Wie können wir heute die Talente entwickeln, die wir für die Innovationen von morgen brauchen? Haben Sie eine Antwort?

Hanappi-Egger: Es wird gerne über die Zukunft spekuliert – und mehr ist das Nachdenken über die ­"Innovationen von morgen" nicht, aber in Wirklichkeit können wir nicht konkret sagen, was wir in Zukunft brauchen. Daher kann es seriöserweise nur um die Frage ­gehen, wie Menschen mit entsprechenden Grundkenntnissen auszustatten sind, wie ihnen Zutritt zu unterschiedlichen Bildungsangeboten ermöglicht werden kann.

Standard: Ist das Bildungsangebot ausreichend, um künftige Fachkräfte für Industrie und Technik vorzubereiten?

Hanappi-Egger: Das Bildungssystem hat derzeit zu viele Lücken für die vielbeschworenen Talente. Da fällt man zu leicht durch. Außerdem müsste sich das Verständnis von Bildung für alle grundlegend ändern. Ich finde es ja merkwürdig, dass gerne über die Verlängerung der Erwerbstätigkeit geredet wird, angesichts der steigenden Lebenserwartungen ganz besonders. Aber es wird nie nachgedacht, ob wir nicht auch entsprechend längere Bildungs- und ­Ausbildungszeiten brauchen. Das scheint unter dem Primat der Ökonomisierung und Effizienzsteigerung nicht einmal mehr denkbar zu sein, und wenn, dann nur unter dem Titel des privat zu finanzierenden lebenslangen Lernens.

Standard: Die Industrie klagt trotz Ökonomisierung der Bildung gebetsmühlenartig über zu wenig Fachkräfte. Werden da wirklich alle Humanressourcen mit einbezogen?

Hanappi-Egger: Studien zeigen ­bekanntlich, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund systematisch weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Aber auch ältere Personen oder aber Personen mit speziellen Bedürfnissen sehen sich mit negativen Zuschreibungen und unterschiedlichen Formen von Exklusion konfrontiert. Die Akkreditierung von im Ausland gemachten Abschlüssen ist außerdem extrem mühsam, sodass viele auch unter ihrer Qualifikation beschäftigt sind – wenn überhaupt. Das ist ökonomisch eine völlig absurde Ressourcenverschwendung von qualifizierten und motivierten Menschen.

Standard: Um die Zahl qualifizierter weiblicher Fachkräfte in technischen Berufen zu erhöhen, gibt es zahlreiche Einzelinitiativen. Werden damit schon Lücken gefüllt?

Hanappi-Egger: So lobenswert die Initiativen sind, sie zeigen wenig nachhaltige Wirkung. Der Grund dafür ist, dass es halt nicht reicht, Frauen einfach nur zu rekrutieren, sondern es braucht auch strukturelle Veränderungen in den Unternehmen. Work-Life-Balance ist – wie oft diskutiert – keine Frauenfrage, im Sinne von Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sondern für alle ein wichtiges Thema. Es wird in Zukunft mehr darum gehen, wie Arbeit zu gestalten ist, damit sie vereinbar wird mit unterschiedlichen Lebenskontexten.

Standard: Welche Eigenschaften brauchen dabei die Arbeitnehmer?

Hanappi-Egger: Man geht davon aus, dass es in manchen Bereichen gar nicht mehr so sehr facheinschlägige Kenntnisse braucht: Zum Beispiel laufen in vielen ­Industriebetrieben zahlreiche Prozesse automatisiert ab – das braucht daher Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die zwar ein Grundverständnis vom Fach haben, aber doch oft im Kontroll- und Servicebereich eingesetzt sind. Der qualifizierte Umgang mit Risiko und vernetzten Zusammenhängen wird zunehmend wichtiger, ebenso Teamfähigkeit. Auch werden sich Unternehmen stärker Strukturen überlegen müssen, wie sie ihre Leute mit ihren Fähigkeiten besser in die Gestaltung der Produkt- und Prozessinnovationen einbinden.

Standard: Welche Rolle spielt dabei die Technik selbst?

Hanappi-Egger: Jeremy Rifkin meint ja, dass durch technologischen Fortschritt auch weiterhin Arbeitsplätze zerstört werden, was bedeutet, dass unser bisheriges Verständnis von Erwerbstätigkeit überholt sein wird. Gerade im qualifizierteren Segment wird es Orts- und Zeitunabhängigkeit geben und eine stärkere Fokussierung auf die Qualität des Ergebnisses und weniger auf den Arbeitsprozess selbst. Sich auf die damit verbundenen Herausforderungen einzustellen wird sicher andere Kompetenzen erfordern: technisches Wissen, Medienkompetenz, Teamfähigkeit und Kommunikationskompetenz in virtuellen Räumen. Immer wenn es um das Erkennen komplexer Zusammenhänge gehen wird, wird es Orte geben müssen, um das zu erlernen. Ob die dann noch Schulen oder Universitäten heißen, wird sich zeigen.

Standard: Welche Auswirkungen wird all das auf das ­Management der Zukunft haben?

Hanappi-Egger: Möglicherweise werden bestimmte Formen von Management überflüssig. Wenn etwa die Selbstorganisation über das Netz und die Eigenverantwortung steigen, brauchen wir weniger Personen, die das vor Ort managen. Umgekehrt wird es zu den Aufgaben des Managements gehören, strukturelle Rahmenbedingungen zu schaffen, die es Menschen erlauben, sich mit ihren ­Fähigkeiten einzubringen. Diversitätsmanagement, Umgang mit Komplexität und Unsicherheit werden Managementkompetenzen erfordern. Darauf sind die meisten nicht vorbereitet. (DER STANDARD, 12.6.2013)

Edeltraud Hanappi-Egger (49) ist seit 2002 Professorin an der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie war an mehreren internationalen Forschungsinstituten Gastwissenschafterin, zuletzt an der  London School of Economics. Ihre Forschungsarbeiten zu Gender und Technik bzw. Diversität in Organisationen wurden mehrfach ausgezeichnet. Hanappi-Egger war Gast des Forums "Talente für die Innovationen von morgen" Dienstagabend, veranstaltet vom Infrastrukturministerium.

  • Edeltraud Hanappi-Egger, WU-Professorin für Gender- und Diversitymanagement, glaubt, dass Jobs in ­Zukunft so gestaltet werden müssten, dass sie mit den unterschiedlichen Lebenskontexten der Erwerbstätigen vereinbar sind.
    foto: standard/corn

    Edeltraud Hanappi-Egger, WU-Professorin für Gender- und Diversitymanagement, glaubt, dass Jobs in ­Zukunft so gestaltet werden müssten, dass sie mit den unterschiedlichen Lebenskontexten der Erwerbstätigen vereinbar sind.

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