Urstimmung bei der Menschwerdung

11. Juni 2013, 17:46
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"Die Geschichte der Welt in 7 Tagen", ein anthropologischer Selbstversuch im Brut

Wien - "Schuhe ausziehen!", heißt es, wenn der als Naturwissenschafter verkleidete Erzähler Yosi Wanunu in sein Laboratorium - den mit bunten Kacheln austapezierten Theaterraum im Wiener Brut im Konzerthaus - bittet. Barfüßig, wie Gott uns schuf also. Oder etwa nicht? Tatsächlich gestaltet sich die Geschichte, die hier an sieben Abenden performt wird, weit komplexer als die flotte Genesis-Erzählung.

In Die Geschichte der Welt in 7 Tagen muss Wanunu zwar bei der Frage, was denn vor dem Urknall gewesen sei, auf allerlei religiöse und philosophische Ansätze verweisen: Ein Ausflug ins fantastische Hollywoodgenre - von Men in Black bis Matrix - scheint aber die notwendige Brücke zum Forschungsprojekt Cern zu bilden. Die Kernforscher in Genf versuchen uns zumindest zu erklären, was nach dem Big Bang passierte. Mit japanischem Whiskey und einem kollektiven Trinkspruch auf die Entstehung des "Seins" folgt ein Zeitsprung.

Vor 70.000 Jahren übernahm eine Kreatur namens Homo sapiens den Planeten Erde. Der evolutionären Entwicklung dieser Spezies (schon dieser Begriff ist umstritten) widmet der Toxic-Dreams-Regisseur Yosi Wanunu, begleitet von den Musikern Michael Strohmann und Martin Siewert, ein performatives Erzähltheater, das auch zum Mitmachen einlädt. Im Theaterraum stehen keine Stühle, man soll sich zurückfühlen können in die Zeit der Jäger und Sammler. Die monoton-pulsierende Musikuntermalung tritt mit Fortdauer der Erzählung in den Hintergrund und sorgt für eine meditative Urstimmung. Am Puls der Zeit, sozusagen.

Knochen- und Gehirnschmalz

Zur anthropologischen Selbsterfahrung kredenzt man Steinzeitkost mit Grünem Veltliner und Knochenschmalz. Als sich im Publikum vegetarischer Unmut ob der Delikatesse äußert, wird womöglich ein jüngerer Evolutionsschritt - der freiwillige Verzicht auf tierische Nahrung - vorweggenommen. Aber wer weiß schon so genau, wohin die Evolution in Zukunft geht.

Gemeinsam arbeitet man sich an der bisherigen Entwicklung zum modernen Menschen ab: Da wäre der Energiehunger unseres großen Gehirns, der überschüssige Körpermasse schrumpfen ließ. Der aufrechte Gang, der den Menschen dazu zwang, Babys unausgewachsen zu gebären, was wiederum die Entstehung sozialer Gefüge nach sich zog. Und die Entwicklung der Sprache, die der Geschichte ihre Unabhängigkeit von der Biologie sicherte und "der zweiten Natur des Menschen" - das, worunter wir heute Kultur verstehen - den Weg ebnete.

Die anberaumten 60 Minuten, konnte Erzähler Wanunu nicht einhalten. Von Zeitvorgaben hielt aber auch die Evolution bisher relativ wenig.

Die Geschichte der Welt in 7 Tagen ist ein Teil des politischen Zyklus von Toxic Dreams. Von der Eroberung des Planeten über die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft bis zum Zeitalter der großen zivilisatorischen Krisen und der digitalen Revolution versucht man dem Mysterium Mensch näherzukommen. Am Schluss des Sieben-Tage-Spiels steht die große Sinnfrage, worum es denn eigentlich gehe - im Leben.   (Stefan Weiss, DER STANDARD, 12.6.2013)

Bis 16. 7.

  • In welche Richtung marschiert die Evolution in Zukunft weiter? Yosi Wanunu von Toxic Dreams performt Fortschritte und Fehltritte der Menschheitsgeschichte.
    foto: timtom

    In welche Richtung marschiert die Evolution in Zukunft weiter? Yosi Wanunu von Toxic Dreams performt Fortschritte und Fehltritte der Menschheitsgeschichte.

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