Leseförderung ist gesellschaftliche Pflicht

Leserkommentar11. Juni 2013, 17:01
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Eine Deutschtrainerin über ihre Erfahrungen mit lesenden und nicht lesenden Kindern

Vor ein paar Tagen passierte etwas Überraschendes: Eine Schülerin kam zu mir und meinte, dass sie ein Buch ausborgen wollte, die Bibliothekskarte aber nicht mehr gegolten habe. Mir blieb der Mund offen ob des ungewöhnlichen Wunsches der Schülerin. Buch ausborgen? Gleich darauf sagte ein zweiter Schüler, ihm sei das auch passiert. Nix wie hin in die Städtische Bücherei!

Vor über einem Jahr, als sie gerade nach Österreich gekommen waren, war ich mit ihnen in die Bücherei gegangen. Eine Lesekarte wurde ausgestellt. Seither waren sie nie mehr dort gewesen. Nun gilt die Karte wieder und sie gingen mit Büchern nach Hause. Endlich!

Wenige Kinder lesen gerne. Wenn es ums Vorlesen geht, reißen sich die Kinder, die ich kenne, darum. Das ist auch sehr erfreulich. Aber ein Buch ausborgen? Lieber nicht.

Rainer Schüller hat Recht, wenn er in einem Kommentar auf derStandard.at meint, dass Eltern ihren Kindern schon im Babyzimmer vorlesen sollten. Aber: Was nützt dieser Ratschlag den Kindern, deren Eltern nicht (vor-)gelesen haben?  Ein erhobener Zeigefinger ist zu wenig. Weder wollen die Kinder dann gerne lesen, noch fangen die Eltern plötzlich an, Bücher zu zücken.

Nie zu spät

Zum Glück stimmt es nicht immer, dass es im Volksschulalter zu spät mit dem Lesen ist. Mir wurde nicht vorgelesen. Mein erstes Buch hielt ich in der zweiten Volksschulklasse in den Händen. "Das Dschungelbuch". Ausgeborgt in der dorfeigenen Bücherei, betreut von einer alten Volksschullehrerin, jeden Samstag Nachmittag. Hätte es die nicht gegeben, wäre es um mich und meine Lesebegeisterung wohl traurig bestellt gewesen.

Vielleicht bin ich deswegen so vom missionarischen Eifer beseelt und möchte die Kinder zum Lesen bringen. Ein Leben ohne Bücher  ist für mich unvorstellbar. Deshalb gehe ich mit den Kindern, auch wenn sie noch nicht gut lesen oder schreiben oder Deutsch können, regelmäßig in die Städtische Bücherei. Vielleicht geht es ihnen so wie mir damals vor 40 Jahren.

Nicht aufgeben

Ich arbeite mit zehn- bis vierzehnjährigen Kindern, die noch nicht lange in Österreich sind. Eine spezielle Gruppe also. Einige von ihnen sind nie in einer Schule gewesen. Einige von ihnen wurden von Verwandten unterrichtet. Diese Kinder lernen rasch. Die anderen müssen bei Null anfangen. Die Leistung, die diese Kinder erbringen müssen, um das Lesen von Wörtern und Sätzen – und nicht nur die einzelnen Buchstaben – zu erlernen, ist enorm. Ob sie einmal begeisterte Leser und Leserinnen sein werden, weiß ich nicht. Wir sollten jedoch nicht aufgeben.

Die Gesellschaft muss helfen

Ich bin froh, dass die Stadt Wien sich um Kinder kümmert, die keine lesenden Eltern haben. Wenn die Eltern ihrer Aufgabe, aus welchen Gründen auch immer, nicht nachkommen, ist es die Pflicht der Gesellschaft, hier einzuspringen.

Was noch hilft: Verpflichtende Kindergartenjahre, besser ausgebildete und besser bezahlte Kindergärtner und Kindergärtnerinnen. Wenn auch Sie zu den Menschen gehören, die wissen, was andere tun sollten, so habe ich einen Tipp für Sie:

Machen Sie doch mit den Nachbarskindern aus so genannten bildungsfernen Schichten die Hausaufgaben. Üben Sie mit ihnen für die nächste Schularbeit. Versuchen Sie, herauszufinden, was die Kinder interessiert und lesen Sie mit ihnen dementsprechende Bücher. Das hilft sicher. (Leserkommentar, Angelika Pichler, derStandard.at, 11.6.2013)

Angelika Pichler (48) ist Deutsch- und Alphabetisierungstrainerin und ist glücklich über die Städtischen Wiener Büchereien. In Klagenfurt, von wo sie vor 13 Jahren weggezogen ist, gab und gibt es so etwas nicht. Derzeit arbeitet sie an einer Mittelschule im 17. Wiener Gemeindebezirk.

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