Hochwasserversicherung: Kein Angebot, kein Anreiz

11. Juni 2013, 17:17
1 Posting

Haushalte ohne Risiko lassen sich nicht versichern, für die gefährdeten ist es zu teuer - und sie hoffen im Katastrophenfall auf staatliche Hilfe

Wenn das Hochwasser zurückgeht, gibt es für die meisten Betroffenen ein weiteres bitteres Erwachen: Hochwasserschäden sind nur ganz selten von der Haushaltsversicherung gedeckt - und wenn, dann mit niedrigen Beträgen. Und während es nach dem Hochwasser 2002 noch zahlreiche Fälle gab, wo Hauseigentümer mit ihren Versicherungen gestritten haben, haben die Gesellschaften in ihren Verträgen es ziemlich deutlich gemacht, dass sie für Hochwasserschäden nur wenig zahlen werden. "Viele Leute glauben, sie sind versichert, und kommen erst beim Schaden drauf, dass sie es nicht sind", sagt Martin Schauer, Professor mit Schwerpunkt Versicherungsrecht an der Uni Wien. "Dann kommt es manchmal zu Streitigkeiten mit dem Makler und dem Vertrieb, aber nicht mit den Versicherungen."

Warum aber werden Schäden, bei denen Ersatzleistungen so dringend benötigt werden, nicht versichert? Das liegt an der Natur der Hochwassergefahr, die den Großteil der Haushalte nicht trifft, eine Minderheit dafür umso härter. "Das Risiko ist ungleich verteilt", sagt Schauer. "Am Berg würde sich niemand versichern lassen, aber am Donauufer würde es sehr teuer werden. Deshalb versichert man sich nicht."

Risikoteilung

Die hohe Risiko-Korrelation reduziert den Vorteil von Risikoteilung, erklärt Alexander Mürmann, Versicherungsexperte an der WU Wien. "Wenn die Donau über die Ufer tritt, dann werden alle überschwemmt, und die Versicherer müssten das auf einen Schlag bezahlen. Die Kapitalkosten für stark korrelierende Risiken sind sehr hoch."

All diese Faktoren verhindern, dass ein effizienter Markt für Versicherungspolizzen entsteht, betonen Experten. Bei Feuer sind hingegen immer nur einzelne Häuser betroffen, deshalb funktioniere dort der Markt.

"In Österreich besteht weder für Sturm- noch für Hochwasserschäden eine gesetzliche Pflichthaftpflichtversicherung", sagt Andreas Riedler, Professor für Zivilrecht und Privatversicherungsrecht an der Universität Linz. "Die Versicherer bieten nur geringe Hochwasserdeckungen an, da das Umlageverfahren versicherungsmathematisch beim Hochwasser faktisch nicht funktioniert. Denn es würden doch nur jene diese Versicherung abschließen, die tatsächlich in Hochwassergebieten sind." Riedler sieht darin die unvermeidbare Folge einer Marktwirtschaft, in der ohne Nachfrage kein entsprechendes Angebot entsteht.

"Crowd-out-Effekt"

Es gibt es einen weiteren Grund dafür, dass sich Hauseigentümer nicht versichern lassen: die Erwartung, dass der Staat helfen wird, wenn das Haus wirklich absäuft. Mürmann bezeichnet dies als "Crowd-out-Effekt", der etwa durch Kanzler Werner Faymanns Ankündigung, "es werden ausreichend Mittel vorhanden sein", bekräftigt wurde. "Solche Interventionen nach einer Katastrophe erhöhen die Erwartungshaltung für die nächste Katastrophe und führen zu Ineffizienzen im privaten Versicherungsmarkt", sagt Mürmann. Die Häuslbauer hätten weniger Anreiz, sich genau zu überlegen, wie hochwassergefährdet ein Bauplatz wäre. Dazu kommt, dass Zahlungen aus dem Katastrophenfonds allfällige Versicherungsleistungen reduzieren und damit das Interesse an privater Versicherung weiter dämpfen.

Was tun, ohne im Katastrophenfall hartherzig zu erscheinen? Schauer spricht von Zuschüssen für Versicherungsverträge oder die Möglichkeit, Prämien von der Steuer abzusetzen. Aber auch das sei bloß eine Umverteilung von Privaten zum Staat, was derzeit durch den Katastrophenfonds ohnehin geschehe.

Eine andere Option ist eine allgemeine Pflichtversicherung für Naturgefahren mit differenzierten Prämien, die sich nach dem Hochwasserrisiko richten. Das würde das Selektionsproblem lösen und im Katastrophenfall sowohl das finanzielle Leid verringern als auch den Steuerzahler entlasten. Sowohl der Versicherungsverband als auch das Wifo haben in den vergangenen Jahren der Regierung eine solche Versicherungspflicht als Teil eines aufgestockten Katastrophenfonds vorgeschlagen, doch bisher ist nichts geschehen.

(Eric Frey, DER STANDARD, 12.6.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.