Stimme der Nacht

11. Juni 2013, 17:09
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Bassbariton Erwin Schrott widmet sich einem Herzensprojekt und singt am Mittwoch aus seinem Tango-Repertoire

Wien - "Tango ist genau wie Oper - eine Oper vom Rio de la Plata", so wird Erwin Schrott im Booklet zur CD Rojotango zitiert. "In der Oper erstreckt sich die dramatische Entwicklung über vielleicht drei Stunden. Der Tenor tritt auf, er verliebt sich in die Sopranistin, die krank wird und stirbt, der Bariton bringt den Tenor um und bleibt allein übrig, voll Trauer um seine unerwiderte Liebe ... All das passiert auch im Tango, aber in drei Minuten statt in drei Stunden!"

Erwin Schrott muss es wissen. Stammt er doch aus Uruguays Hauptstadt Montevideo, die neben Buenos Aires als Wiege des Tangos gilt. Und ist er doch dort mit den Stimmen von Carlos Gardel und Julio Sosa aufgewachsen: Den Radioapparat einzuschalten und mit den leidenschaftlichen Liedern das Haus zu füllen sei Teil des väterlichen Morgenrituals gewesen, so erzählt Schrott.

Später war es der Junior selbst, der seine vokalen Kräfte demonstrierte - und der im Restaurant des Vaters singend unterhielt, wenn er dort nicht gerade kochte oder putzte: Es war dies der Start einer glänzenden Karriere als Bassbariton, die Schrott über das Teatro Municipal in Santiago de Chile auf die großen Opernbühnen dieser Welt führen sollte.

Ein Jahr vor seinem 40. Geburtstag erfüllte sich Schrott, der aus einer deutschstämmigen Arbeiterfamilie stammt, 2011 einen Herzenswunsch und kehrte zu seinen Wurzeln zurück: Im Rahmen von Rojotango (Sony) intoniert er von Pablo Ziegler arrangierte Genre-Klassiker von Astor Piazzolla bis Violeta Parra und ist dabei auch um Abstecher ins brasilianische Repertoire - zu Liedern Antonio Carlos Jobims und Caetano Velosos - nicht verlegen.

Schrott tut dies expressiv, mit dunklem Timbre und sanfter, wohldosierter Stimmgewalt, die berückende Wirkung entfaltet. Und er lässt spüren, was er über den Tango sagt: "Der Tango schmeckt nach Leben und riecht nach Tod. Er ist Teil der Nacht, und man muss die Nacht in der Stimme spüren."   (Andreas Felber, DER STANDARD, 12.6.2013)

12. 6., Konzerthaus, 20.30

  • Tango, das ist quasi Oper, nur auf drei Minuten verdichtet: Erwin Schrott, der Sänger aus Uruguay, will diesbezüglich wieder einmal den Beweis erbringen. 
    foto: christian charisius

    Tango, das ist quasi Oper, nur auf drei Minuten verdichtet: Erwin Schrott, der Sänger aus Uruguay, will diesbezüglich wieder einmal den Beweis erbringen. 

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