In runden Zimmern fühlen wir uns wohl

16. Juni 2013, 11:35
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Wiener Psychologe untersucht ästhetische Wahrnehmung von Architektur - Geschwungenes Design sorgt für mehr Wohlbefinden als Ecken und Kanten

Wien - Kuppeln und Säulen, Vorhänge und geschwungenes Dekor haben auch aus neuropsychologischer Perspektive einen Sinn: In Räumen, die von runden Konturen geprägt sind, fühlen wir uns wohler als in solchen mit Ecken und Kanten. Eine internationale Forschungsgruppe, bei der auch Helmut Leder, Vorstand des Instituts für psychologische Grundlagenforschung an der Uni Wien, mitgearbeitet hat, konnte in einer groß angelegten Studie nachweisen, dass die menschliche Vorliebe für runde Formen auch auf die Architektur zutrifft. "Bei der ästhetischen Bewertung von Architektur kommen dieselben Netzwerke im Gehirn zum Einsatz wie etwa bei Kunst", sagt Leder.

Die Ergebnisse der Studie, bei der sich die Teilnehmer anhand von 200 Architektur-Fotografien entscheiden mussten, ob sie einen Raum schön fanden oder nicht, aber auch ob sie ihn gerne betreten wollten oder nicht, wurde in der Fachzeitschrift "Proceedings of National Academy of Sciences" (PNAS) veröffentlicht. "Die Verbindung von ästhetischer Wahrnehmung mit der gebauten Umwelt ist wirklich etwas Neues - es gibt überraschend wenig Forschung dazu", so Leder. "Vor allem wenn man bedenkt, dass wir uns eigentlich ständig in Architektur befinden." Das Ergebnis für die Schönheits-Urteile fiel eindeutig zugunsten der Räume mit runden Konturen aus.

"Ästhetik-Netzwerke"

Im Rahmen des Forschungsschwerpunkts der psychologischen Ästhetik an der Uni Wien konnten Leder und sein Team schon bisher zeigen, dass runde Formen in Kunst und Design als schöner empfunden werden - und dass dabei bestimmte "Ästhetik-Netzwerke" im Gehirn aktiviert werden. "Wir waren überrascht, dass bei der Bewertung, ob man seine Umwelt schön findet oder nicht, dieselben Urteilsstrategien tätig sind", so Leder. Die Analyse der Hirnaktivität über funktionelle Magnetresonanztomografie ergab, dass die Betrachtung der runden Räume mit verstärkter Aktivität in Hirnregionen einherging, die mit Belohnungsfunktionen und insgesamt angenehmen Gefühlen zu tun haben, konkret im Orbitofrontal-Kortex, den Basalganglien sowie der vorderen Insel und dem ventralen anterioren cingulären Kortex.

In einem Punkt allerdings gab es keine Übereinstimmung mit den bisherigen Befunden der Ästhetik-Forschung: So sammelte man bisher zahlreiche Hinweise darauf, dass Ecken und Kanten deshalb auf Ablehnung treffen könnten, weil sie biologisch eine Warnreaktion vor potenziell gefährlichen, etwa spitzen, Objekten hervorrufen - beobachtet wurde eine Aktivierung der Amygdala, die für die Entstehung von Furcht eine zentrale Rolle im Gehirn spielt. "Diese Furcht vor dem Eckigen trifft in der Architektur offenbar nicht zu", sagt Leder.

Mit der Forschung zur emotionalen Beeinflussung durch die Gestaltung der Umwelt steht man noch am Anfang - "obwohl ich denke, dass es genau das ist, was wir wirklich wissen wollen, wenn wir über psychologische Ästhetik sprechen. Letztlich fragen wir, warum fühlen wir uns an manchen Plätzen wohl und an anderen nicht so sehr." Die Arbeit im internationalen Team - vor allem mit Forschern aus den USA und Kanada - geht in jedem Fall weiter. Irgendwann könnten solche Erkenntnisse auch für die Gestaltung von Räumen oder Gebäuden relevant sein. "Natürlich gehören Architekten auch zu den Adressaten, für die unsere Forschung interessant ist", sagte Leder. (APA, 16.6.2013)

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    Ein Raum zum Wohlfühlen: das Oval Office des Weißen Hauses (hier als Replik im George W. Bush Presidential Center in Dallas).

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