Da anmutig, dort behäbig

10. Juni 2013, 17:35
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Die Wiener Philharmoniker und Dirigent Tugan Sokhiev im Wiener Konzerthaus

Wien - Für den Boxer wie für den Dirigenten stellt eine gute Schlagtechnik ein unverzichtbares Basiselement für die Ausübung seines Berufes dar. Jene von Tugan Sokhiev ist exzellent: In den leichtgewichtigen, flinken Bewegungen des gebürtigen Ossetiers - man sieht es im Wiener Konzerthaus - verbindet sich die Präzision eines Chirurgen mit der Anmut eines Balletttänzers.

Zweimal hat Tugan Sokhiev die Wiener Philharmoniker schon als Einspringer dirigiert, für die erste langfristig geplante Zusammenarbeit wurden Werke von Johannes Brahms und Hector Berlioz ausgewählt. In delikaten Passagen der Symphonie fantastique von Berlioz gelingen dem Mittdreißiger die besonderen Momente: beim Religiosamente am Ende des ersten Satzes; auch der darauffolgende Un bal ist duftig getanzt. Und als vierfaches Piano ertönt tatsächlich, wie vom französischen Komponisten vermerkt, "quasi niente".

Bisweilen unelastisch

Leichte Schwächen zeigt Sokhiev, an der Wiener Staatsoper zuletzt beim Boris Gudonow aktiv, bei den kraftvollen Passagen, die oft plump und gleichförmig durchexerziert daherkommen, wie etwa der finale Höhepunkt des Kopfsatzes. Am Ende des Hexensabbats ähneln die Wiener Philharmoniker mit ihrer platten Lautstärke US-amerikanischen Klangkörpern.

Auch im ersten Satz von Johannes Brahms' Doppelkonzert lässt Sokhiev, übrigens ist er Chefdirigent in Toulouse und Berlin, einige Tutti- Stellen breit und behäbig vortragen - dabei mit mangelnder Elastizität.

Bei den Solisten des Konzertes verbietet sich allerdings jedwede Art von Kritik: Makellos, intensiv und souverän gestalten Volkhard Steude und Péter Somodari ihre Solopartien. Steude, der unauffälligste der vier philharmonischen Konzertmeister, und Somodari, der aus Ungarn stammende Nachfolger Franz Bartolomeys in der Position des Solocellisten, musizieren mit eleganter Intensität, Stimmungsreichtum und allergrößter Präzision.

Sie zeigen sich in der Interpretation des wundervollen Werkes quasi so eng verbunden wie ein siamesisches Zwillingspaar. Begeisterung im Großen Konzerthaussaal. (Stefan Ender, DER STANDARD, 11.6.2013)

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