Zu Gast im Umspannwerk: Strom wird teurer

11. Juni 2013, 05:30
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Der österreichweite Ausbau kostet bis 2020 knapp neun Milliarden Euro. Projekte wie der Wiener Hauptbahnhof brauchen Leistung

So mancher Anrainer der Raxstraße am Wienerberg hat damit keine Freude. Ein neues Umspannwerk verstellt die Sicht auf den historischen Wasserturm, Wahrzeichen Favoritens. Das einem Riesencontainer ähnelnde Bauwerk setzt den Stadtteil sprichwörtlich unter Strom. Mit dem Hauptbahnhof und dem Kaiser-Franz-Josef-Spital wächst der Energiehunger weiter. Daher sorgt seit Ende letzten Jahres die Anlage für die Verteilung der elektrischen Energie.

Kein Mensch vor Ort

"Alles ferngesteuert", beeilt sich der Chef des Wiener Stromnetzes, Reinhard Brehmer, bei einer Führung durch das Werk zu sagen. Und wirklich, vor Ort am Wienerberg arbeitet in dem mehrere Hundert Quadratmeter großen Areal der Wien Energie niemand. Die Umwandlung von Hochspannung (110 Kilovolt) auf Mittelspannung (zehn Kilovolt) und wiederum auf jene 400 Volt, mit der unsere Steckdose beschickt wird, geschieht vollautomatisch.

Der zweite Aha-Effekt, der sich einstellt, ist die Ruhe. Im Werk ist es mucksmäuschenstill, nur selten ist ein leises Surren zu hören. Im Warte genannten Kommandozentrum gaukelt ein Schreibtisch mit PC und Arbeitsstuhl die Anwesenheit eines Menschen vor. Doch gebraucht wird er nur, wenn etwas vor Ort behoben werden muss. Dann kommt der Techniker aus der Zentrale.

Preise steigen

Der geringe Personalaufwand hilft auch dabei, das Budget zu schonen. "Der Kostendruck ist enorm", so Brehmer. Der Markt ist reguliert, die Preise werden von der Aufsichtsbehörde E-Control vorgegeben. Auf heutige Preise gerechnet, sind die Netztarife laut dem Stromnetz-Chef halb so hoch wie vor 15 Jahren. Anders drückt das die E-Control aus. Ein durchschnittlicher Haushalt zahle für das Netz nun rund 80 Euro weniger als 2002. Insgesamt macht das Netzentgelt derzeit rund ein Drittel des Strompreises, wozu noch die Kosten für die Energiegewinnung und Steuern kommen, aus.

Die Wien Energie steckt allein dieses Jahr 180 Millionen Euro in die Infrastruktur. Laut E-Control sind bis 2020 österreichweit Investitionen von 8,7 Milliarden Euro eingeplant. Eine Summe, die erst verdient werden will. Strom dürfte in Zukunft wieder teurer werden. Die die Preise festsetzende E-Control will aber keine "überbordende" Belastung für die Verbraucher, erklärte Behördenchef Martin Graf am Montag. Ganz vermeiden ließe sich das freilich nicht, schließlich dürften auch hochwasserbedingte Investitionen nötig sein.

Gefährliche Sommermonate

Der Netzausbau hat vor allem das Ziel, dem seit den 1990er Jahren um 50 Prozent gestiegenen Strombedarf zu entsprechen und Ausfälle zu verhindern. Die Wiener sind etwa 30 Minuten im Jahr ohne Strom. Das Handy lädt nicht mehr, der Fernseher ist stumm, kein Licht in der Wohnung. Einziger Trost: Vor fünf Jahren war es eine Viertelstunde mehr.

Stromausfälle kommen vor allem im Sommer vor. Die im Erdreich verborgenen Kabel sind hitzeanfällig. Auch fallen die zwei Meter unter der Erde verlaufenen Stränge vor allem in der warmen Jahreszeit ihrem Hauptfeind zum Opfer: dem Bagger. Patzer am Bau tragen laut Wien Energie in den meisten Fällen Schuld an Stromausfällen. Das angeschlagene Kabel fällt oft erst Jahre später aus.

Erneuerbare schwanken

Ganz Wien ohne Strom, das ist lange her. Der letzte sogenannte Blackout in Wien und Teilen Österreichs war 1986 zu beklagen. Damals ist ein Atomkraftwerk in Bayern abrupt ausgefallen. Heute wird das Wiener Netz weitaus größeren Spannungsschwankungen gerecht. Mit dem Boom der Erneuerbaren hat sich der Energiefluss der Natur angepasst. Wind bläst mal mehr, mal weniger. Und die Sonne fällt in der Nacht als Energielieferant auf der Erde aus.

Alleine mit den deutschen Photovoltaik-Anlagen und ihrer Kapazität von 30.000 Megawatt klinkt sich ein gehöriger Stressfaktor in das Netz ein oder aus dem Netz aus. "Das entspricht 30 mittleren Atomkraftwerken", so Brehmer. Strom kennt keine Grenzen, Ungleichgewichte in Nachbarländern müssen in Österreich ausgeglichen werden.

Energiehungrige Städter

Um große Stromausfälle zu verhindern, sind die Netze kleinteiliger und damit weniger fehleranfällig geworden. Wien hat heute sieben Teilnetze. Mehr als 25.000 Haushalte auf einmal sind seit 1986 nie ohne Strom gewesen. Damit das so bleibt, werden in expandierenden Stadtteilen neue Umspannwerke gebaut. Den Wohnsiedlungen in Aspern und Gerasdorf, dem Neubau der Wirtschaftsuniversität am Standort Messe und dem Ausbau des Flughafens sind welche vorausgegangen.         

In den Bundesländern wird vor allem in Netzinfrastruktur zur Anbindung von Windrädern (Niederösterreich) und in Hochspannungsleitungen (Salzburg, Tirol, Kärnten) investiert. Zudem kostet die Einführung digitaler Zähler, die beim Stromsparen helfen sollen, viel Geld.

Bürgerbeteiligung

Den Energie-Produzenten wiederum geht der Netzausbau viel zu langsam. Österreich hinke hinter anderen Ländern nach, kritisiert der Branchenverband Oesterreichs Energie. Um die Netzbetreiber zu mehr Investitionen zu bewegen, fordert die E-Control kostengünstigere Finanzierungsmodelle. Bürgeranleihen seien so ein Instrument. Behördenchef Graf sieht vor allem im deutschen Nachbarn ein Vorbild, wo Staat und Privat häufiger zusammenfinden. Dort könne man sich als Trassen-Anrainer an den Investitionen beteiligen und so Zinsen von drei bis fünf Prozent einfahren.

Neben der Beteiligung der Bürger wünscht sich die E-Control auch mehr Zusammenarbeit der Netzbetreiber und Förderungen der Europäischen Investitionsbank. Der Ausbau der Windkraft käme schneller voran, wenn Energie Burgenland, EVN, Wien Energie und APG gemeinsam investierten. Der Staat soll im Gegenzug bei der Genehmigung solcher Projekte einen Zahn zulegen. Schließlich stimuliere der Netzausbau auch die Konjunktur und sei damit förderungswürdig. Mindestens 50 Prozent der Wertschöpfung bleibe im Land.

Soweit zur Zukunft. Am Wienerberg startet die heiße Phase schon jetzt. Hitze und Klimaanlagen werden das neue Werk erstmals auf die Probe stellen. Wenn denn der Sommer jemals kommt. (Hermann Sussitz, derStandard.at, 11.6.2013)

  • Der Blick auf den Favoritner Wasserturm. Leider nur mehr vom Umspannwerk aus, nicht mehr von der Raxstraße.
    foto: derstandard.at/sussitz

    Der Blick auf den Favoritner Wasserturm. Leider nur mehr vom Umspannwerk aus, nicht mehr von der Raxstraße.

  • "Der Kostendruck ist enorm", so der Chef des Wiener Stromnetzes, Reinhard Brehmer.
    foto: derstandard.at/sussitz

    "Der Kostendruck ist enorm", so der Chef des Wiener Stromnetzes, Reinhard Brehmer.

  • Ja, diese Anlage im Umspannwerk Wienerberg läuft. Und ja, sie macht dabei kein Geräusch.
    foto: derstandard.at/sussitz

    Ja, diese Anlage im Umspannwerk Wienerberg läuft. Und ja, sie macht dabei kein Geräusch.

  • Hier wird der Strom schon in 400 Volt-Größen "verschickt". Macht einer der Verteiler - etwa für den Straßenzug X - Probleme, dann kann man ihn hinausfahren lassen und reparieren.
    foto: derstandard.at/sussitz

    Hier wird der Strom schon in 400 Volt-Größen "verschickt". Macht einer der Verteiler - etwa für den Straßenzug X - Probleme, dann kann man ihn hinausfahren lassen und reparieren.

  • Falls alle Stricke reißen, kann sich das Umspannwerk mit seinen eigenen Batterien notversorgen.
    foto: derstandard.at/sussitz

    Falls alle Stricke reißen, kann sich das Umspannwerk mit seinen eigenen Batterien notversorgen.

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