In diesem Little Apple an der Pinka

10. Juni 2013, 09:58
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Ein bisschen wie New York: Oberwart lässt sich seine Geschichte von den sechs Friedhöfen erzählen

Oberwart/Felsoor/Borta/Erba - Das Offene Haus Oberwart - neben der kroatischen Kuga das einzig produzierende Kulturhaus im Burgenland - hat sich für seinen heurigen Jahresschwerpunkt das Eingemachte vorgenommen: die Heimatkunde. Der Zentralort des Südburgenlandes, in dem vier Volksgruppen und einst auch vier Religionen daheim waren, wird ab dem 23. Juni aus der Perspektive seiner Toten neu erzählt.

"Wächter über Oberwart - die Provinz als kosmopolitische Erzählung" nennt sich die Ausstellung, die im Oberwarter Stadtpark zu sehen sein wird. Die Kleinstadt hat immerhin sechs verschiedene Friedhöfe und drei Totengedenkstätten, sodass dem Projektleiter Peter Wagner und seinem Team ein ziemliches erzählerisches Potenzial zur Verfügung stand.

Unglaubliche Geschichten

"Wir holen aus jedem der Friedhöfe vier Biografien heraus und erzählen sie", schildert Wagner, "es ist unglaublich, was da für Geschichten auftauchen." Zum Beispiel die von Sándor Siskó, der auf dem reformierten, calvinistischen Friedhof liegt und der insgesamt 35 Jahre Bürgermeister von Felsoor gewesen ist. Richter nannte sich das einst in ungarischer Zeit.

Der Kleinrichter, das war sein Austrommler. Der des Siskó Alexander hieß Samuel Benedek. Auch er liegt auf dem reformierten Friedhof, auch er wird ins Gedächtnis der Oberwarter zurückgeholt.

Ein bisschen wie im Big Apple

Dass eine kleine Stadt wie Oberwart - die Ungarn nennen sie Felsoor, die Kroaten Borta, die Roma Erba - sechs Friedhöfe hat, mag außergewöhnlich sein, erzählt aber einiges über die Geschichte des Landstrichs, der nicht umsonst Orvidék, also Wart heißt. Stets Grenz- und Wächtergebiet des Ungarlandes, drehte sich die Wächterfunktion der Gegend ab 1921 um.

Volksgruppen und Konfessionen mengten sich gleichwohl hier, dem US- amerikanischen Traum vom Big Apple gleich. Deutsche, Ungarn, Kroaten und Roma glaubten katholisch, evangelisch und calvinistisch, die Ungarn und die Deutschen auch jüdisch: Bis 1938, als die Juden vertrieben wurden und nichts zurücklassen konnten als ihren Friedhof.

Dazu noch der Armenfriedhof

Zu den vier konfessionellen Friedhöfen kommen noch der Gemeinde- oder Armenfriedhof, auf dem die sogenannten Gemeinde-Armen - bis 1938 war die Fürsorge ans kommunale Heimatrecht geknüpft - bestattet wurden, und der Russenfriedhof, auf dem rund 300 sowjetische Soldaten liegen.

Zu diesen sechs Friedhöfen kommen drei Totengedenkstätten: das Kriegerdenkmal, eines für Widerstandskämpfer und jenes, das an die vier Toten des Attentats im Februar 1995 erinnert.

Möglicher Friede

"All diese Stätten", sagt Peter Wagner, der in seinem fulminanten Märchenbuch Die Burgenbürger dem pannonischen Schwellenmenschen nachspürt, "sind voll mit Erzählungen, die in der Tat nur das Leben selbst schreiben kann." Unter anderem - oder vor allem - erzählen sie von der jahrhundertelang geübten Praxis, einander im Wesentlichen in Ruhe zu lassen.

"Gerade in einem Ort, der das schlimmste rassistisch motivierte Attentat der Zweiten Republik erleben musste, ist eine Rückbesinnung auf die Möglichkeiten eines friedlichen Zusammenlebens der unterschiedlichen Religionen und Ethnien von nicht unbeträchtlichem faktischen und symbolischen Wert." (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 10.6.2013)

  • Anstoß zu einer Erzählung: Grabkreuz auf dem Oberwarter Armenfriedhof.
    foto: p. wagner

    Anstoß zu einer Erzählung: Grabkreuz auf dem Oberwarter Armenfriedhof.

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