Komapatienten: Reflex oder gewollter Widerstand

10. Juni 2013, 08:30
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Bewusstsein mit einer einfachen Testmethode nachweisbar - Widerstand beim Öffnen der Augen als Merkmal

Barcelona/Graz - Welches Ausmaß von Bewusstsein Patienten nach schweren Schädel-Hirn-Verletzungen haben, lässt sich selbst von Experten manchmal schwer beantworten. Nun hat ein Forschungsteam der Universität Lüttich, in Belgien, eine Methode entdeckt, um graduelles Bewusstsein nachzuweisen.

Steven Laureys, einer der weltweit führenden Koma-Forscher und Leiter der Coma Science Group, stellte den neuen Ansatz auf dem 23. Meeting der Europäischen Neurologengesellschaft (ENS) in Barcelona vor, wo 3.000 Experten aktuelle Entwicklungen des Fachbereichs diskutieren.

Bei vielen Menschen mit beeinträchtigtem Bewusstsein lässt sich beobachten, dass Widerstand geleistet wird, wenn versucht wird, die Augen manuell zu öffnen. Im Rahmen einer Studie untersuchten die Wissenschafter, ob der Widerstand bei Komapatienten ein Reflex oder ein Zeichen gewollter Abwehr und somit ein Indiz für Bewusstsein ist.

Zu diesem Zweck wurden im Laufe von 28 Monaten bei 108 Patienten jeweils eine Woche lang die Widerstände beim Öffnen der Augen aufgezeichnet. Während bei fast allen Untersuchten Hornhautreflexe und Zornesfalten, bedingt durch das Zusammenziehen der Augenbrauen, registriert wurden, ließen sich nur 22 Personen identifizieren, die Widerstand beim Augenöffnen (REO; resistance to eye opening) zeigten.

Beurteilungen wiederholen

"Eine bedeutende Erkenntnis war, dass die meisten Patienten, die REO zeigten, in einem Wachkoma oder in einem minimalen Bewusstseinszustand sind. Nach wiederholten Untersuchungen stellte sich heraus, dass sie einen höheren Bewusstseinslevel hatten als ursprünglich angenommen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es sich beim Widerstand gegen das Augenöffnen um einen reinen Reflexmechanismus handelt", so Laureys. "Viel eher wirkt es wie ein Vorzeichen dafür, dass ein Befehl ausgeführt wird. Wenn bei mehr als der Hälfte der Untersuchungen Widerstände beim Augenöffnen vorkommen, sind die Chancen groß, dass der Betroffene manche Aufforderungen befolgen kann."

Laureys plädiert für wiederholte Beurteilungen, da bei den meisten Betroffenen der Bewusstseinslevel häufig schwankt: "Es muss nicht sein, dass sie gerade dann ihren besten Moment haben, wenn sie untersucht werden. Testmethoden, die Pflegende ganz einfach im Alltag wiederholt verwenden könnten, würden die Beurteilung mancher komatösen Menschen unter Umständen verändern. Nicht wenige Koma-Patienten hätten einen höheren Grad an Bewusstsein als ursprünglich angenommen. Ist ihr chronischer vegetativer Zustand aber einmal diagnostiziert, ist diese Einstufung schwer zurückzunehmen, denn sie sind in Langzeitpflege und werden unter Umständen selten oder gar nicht mehr von Neurologen untersucht."  (APA/red, 10.6.2013)

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