"Strategie der USA auch wirtschaftlich fragwürdig"

Interview9. Juni 2013, 17:26
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Energieökonomin Claudia Kemfert erklärt, warum Europa zwar nicht mit dem US-Schiefergasboom gleichziehen, aber dennoch profitieren kann

Energieökonomin Claudia Kemfert hält den US-Schiefergasboom für wenig nachhaltig. Warum Europa zwar nicht bei dem Trend gleichziehen, aber dennoch profitieren kann, sagte sie Lukas Sustala.

STANDARD: In den USA gibt es einen Industrieboom wegen billigen Erdgases und Schieferöls. Wie nachhaltig ist diese Entwicklung?

Kemfert: Die Potenziale bei der unkonventionellen Gas- und Ölförderung werden überschätzt. Der Boom ist nicht nachhaltig. Die Daten zur Förderung des unkonventionellen Gases mittels Frackings wurden ja zuletzt wiederholt nach unten revidiert. Es ist richtig, dass es aktuell ein Überangebot an Gas gibt und Fracking insbesondere die Gaspreise in den USA gesenkt hat. Aber auch Fracking ist bei derart niedrigen Gaspreisen nicht unbedingt wirtschaftlich. Daher wird es bei der Produktion eine deutliche Korrektur nach unten geben. Die US-Gaspreise werden somit tendenziell eher wieder steigen.

STANDARD: Aber es gibt noch große Lagerstätten von unkonventionellem Öl und Gas.

Kemfert: Natürlich kann man noch mehr erschließen, die Vorkommen sind bekannt. Man muss jedoch entweder sehr tief bohren, Ölsand waschen oder in Naturgebiete gehen mit negativen Folgen für die Umwelt. Das ist keine nachhaltige Entwicklung. In den USA gibt es sehr große Potenziale fürs Energiesparen. Es ist keine gute Strategie, den Energieverbrauch nicht zu drosseln und stattdessen weiterhin sehr stark auf fossile Energien zu setzen. Auch aus wirtschaftlichen Gründen ist diese Strategie fragwürdig. Es ist nicht gerade kostengünstig, unkonventionelles Öl zu fördern. Somit werden die USA früher oder später Probleme bekommen.

STANDARD: Lässt sich aber der fossile Energieboom der USA in Europa nachahmen?

Kemfert: Nein. In Euopa haben wir nicht derart hohe Potenziale für die Förderung von unkonventionellem Gas und Öl. Es gibt kleinere Mengen in Polen, Deutschland oder England. Aber die sind deutlich geringer als in den USA. Dazu kommt, dass wir in Europa auch viel höhere Umweltstandards haben und dichter besiedelt sind als die USA. Damit ist die Erschließung auch viel schwieriger. Zudem ist Europa ja auch in der komfortablen Lage, dass es in vielen Ländern um uns herum viel Gas gibt. Wir haben viele Pipelines und versorgen uns aus Russland, Nordafrika oder Katar. Da gibt es ausreichend Gas.

STANDARD: Aber zu welchem Preis?

Kemfert: Man muss gerade mit den russischen Partnern besser verhandeln, die im Moment deutlich überhöhte Preise verlangen. Aber der Boom in Amerika bietet hier die Chance nachzuverhandeln. Der Druck auf die russischen Gaslieferanten, den Preis anzupassen, nimmt jedenfalls zu. In Deutschland haben wir ja etwa sehr langfristige Lieferverträge, die an den Ölpreis gekoppelt sind. Da sind hohe Gaspreise durch die Verträge fixiert, aber das ist nicht mehr zeitgemäß.

STANDARD: Könnte der US-Boom auch überschwappen, etwa über LNG, also Flüssiggas?

Kemfert: LNG wird insgesamt eine sehr viel bedeutendere Rolle erhalten. Verflüssigtes Erdgas bietet eine echte Chance für Europa, die Energiequellen zu diversifizieren und auch preiswerteres Gas zu bekommen. Das ist auch wichtig, um für die Industrie gute Voraussetzungen zu schaffen, etwa für die Chemiebranche. LNG ist eine gute Option, um den Gaspreis zu drücken. (DER STANDARD, 10.6.2013)

Claudia Kemfert (44) leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und forscht zu Energie- und Klimafragen. Kemfert ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin und Autorin zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien von ihr: "Kampf um Strom: Mythen, Macht und Monopole".

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    Die Zweifel an der Nachhaltigkeit des Frackingbooms wachsen. Ein Arbeiter checkt die Wassertanks in Rifle, Colorado. Foto: AP

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