Raiffeisens riskante Reise

Blog8. Juni 2013, 16:38
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Der neue Bankchef Karl Sevelda will den Kurs von Herbert Stepic fortsetzen. Das kann nicht gutgehen

Die Raiffeisen Bank International hat mit der Entscheidung für Karl Sevelda als Nachfolger von Herbert Stepic die einfachste, konservativste und auch sicherste Variante gewählt.

Gerade deshalb muss man sich wundern, wenn der neue Vorstandschef jetzt ankündigt, den Expansionskurs seines Vorgängers weiterfahren zu wollen. Denn was Stepic in seinen fast zwei Jahrzehnten als Architekt der internationalen Strategie der Raiffeisen gemacht hat, war ziemlich riskant – und ist es bis heute.

Zwar haben die Raiffeisen-Banker recht, wenn sie betonen, dass sie nie wild spekuliert haben, sondern bloß ihr Stammgeschäft von Einlagen und Krediten verfolgt haben. Aber Kredite können mindestens so riskant sein wie der Handel mit Derivativen und anderen exotischen Instrumenten. Die Wurzeln in der heutigen Finanz- und Bankenkrise liegen in schiefgegangenen Kreditvergaben, seien es Hypothekarkredite in den USA, und Immobiliendarlehen in Irland und in Spanien oder – siehe Zypern – der Ankauf von Anleihen von Staaten, die dann in massive Schieflagen geraten.

Die RBI hat keine vergleichbaren Probleme wie die Banken in diesen Staaten. Aber die Expansion in Osteuropa seit den neunziger Jahren war eine Strategie mit vielen Unabwägbarkeiten.

Sie ist bisher zum Großteil gut gegangen, aber zeitweise ist die Raiffeisen nur knapp am Abgrund vorbeigeschlittert, wie etwa im Frühjahr 2009, als der Absturz der osteuropäischen Währungen das gesamte Kreditportefeuille in der CEE-Region gefährdete. Denn die Raiffeisen-Töchter hatten in vielen Staaten massenweise Fremdwährungskredite vergeben, die dann nur noch schwer zurückzahlbar waren.

Heute scheint die große Absturzgefahr gebannt. Die RBI kann selbst die großen Probleme in Ungarn und der Ukraine meistern. Aber die Region steht wirtschaftlich immer noch nicht gut da und ist massiv von Exporten nach und Kapital aus dem Euroraum abhängig.  

Eine plötzliche Verschlechterung in einem oder mehreren Ländern würde ein ziemliches Loch in die RBI-Bilanz reißen – und die Kapitaldecke der Bank ist trotz der Verstärkung in den letzten beiden Jahren immer noch recht dünn. Das gilt übrigens für fast alle europäischen Banken.

Letztlich kann niemand genau sagen, wie groß das Risiko in den Büchern einer Bank ist. Weder sieht man von außen die Details, auf die es meist ankommt (und selbst von innen nicht immer), noch ist die Zukunft vorhersehbar. Deshalb sind auch die internationalen Stresstests so unbefriedigend und oft so falsch.

Aber man kann die Frage nach dem Risiko bei Raiffeisen auch anders beantworten – in dem man sich die Persönlichkeit des scheidenden CEO anschaut. Herbert Stepic ist ein geborener Spieler, der jede Chance nutzt und dabei oft an die Grenzen geht. Er hat die Bank letztlich genauso geführt wie seine privaten Investments – nie unvernünftig, aber auch nie besonders vorsichtig.

Wann immer sich eine Gelegenheit bot, hat Stepic zugegriffen. Kein Land war ihm zu unsicher. Er hat dabei keinen Flop gemacht, der mit der Übernahme der rumänischen BCR durch die Erste Group vergleichbar ist. Aber dafür hat die RBI eine ganze Fülle von Töchtern und Beteiligungen, deren Geschäfte mit überdurchschnittlichen  Risiken verbunden sind.

Sevelda ist vom Charakter her ein anderer Typ als Stepic. Er ist viel mehr Diplomat und weniger Macher. Das Umfeld hat sich geändert und der heimische Raiffeisensektor ist nicht nur vorsichtiger, sondern auch selbstbewusster geworden – und lässt das die Bankspitze spüren.

Schon allein deshalb ist es nicht zu erwarten, dass Sevelda die Politik von Stepic fortsetzt, der bis zuletzt Zukäufe im Osten getätigt hat. Und auch organisches Wachstum, das Sevelda  nun verspricht, ist eher unwahrscheinlich. Weder ist im Osten viel Kreditwachstum zu erwarten, noch kann sich die RBI eine Ausweitung der Bilanzsumme leisten. Dazu fehlt ihr das Kapital.

Für die Raiffeisenbank ist die Zeit der Konsolidierung, ja auch des Rückzugs aus manchen Märkten gekommen. Und möglicherweise – auch wenn dafür Beweise fehlen - schlummern in den Büchern der vielen Auslandstöchter einige Bomben, die erst entschärft werden müssen.

Defensivspiel war nie die Stepic‘ Sache, dafür aber könnte Sevelda der richtige Mann sein. Das dürfte wohl auch ein Grund gewesen sein, warum sich die Raiffeisen-Spitze ihres erfolgreichsten Bankers so rasch entledigt hat.

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    Herbert Stepic hat die Bank letztlich genauso geführt wie seine privaten Investments – nie unvernünftig, aber auch nie besonders vorsichtig.

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