Nach der Schlacht von Qusayr

Kommentar7. Juni 2013, 21:09
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Auch Österreichs Golan-Mission ist ein Opfer der Schwäche der Rebellen

Es ist kein "Qusayrgrad" für das Regime geworden – diese Bezeichnung geisterte tatsächlich durch rebellenfreundliche Berichte –' sondern ein Sieg, der sich als Wendepunkt im syrischen Aufstand herausstellen könnte. Auch wenn dieses Urteil natürlich erst später gefällt werden kann: Sicher ist, dass die Assad-Truppen mithilfe der Hisbollah nicht nur eine Stadt an der libanesischen Grenze zurückerobert haben, sondern einen wichtigen strategischen Punkt.

Es ist nicht ohne Ironie, dass die österreichische Uno-Golan-Mission ausgerechnet der derzeitigen Schwäche der Rebellen zum Opfer fällt: Die verstärkten Rebellenaktivitäten auf dem Golan, die die Österreicher in die Bunker trieb, sind vor allem als Entlastung für woanders unter Druck geratene oppositionelle Verbände gedacht. Ob es den Rebellen gelingt, damit größere Mengen an syrischen Regimetruppen, als jetzt dort sind, in die Gegend zu locken, ist zweifelhaft. Besser könnte das schon funktionieren, wenn die Rebellen Situationen herstellen, die Israel zum Eingreifen provozieren.

Die Einnahme al-Qusayrs verschafft dem Regime die Kontrolle der Route zwischen Damaskus und Homs und zwischen Damaskus und den alawitischen Küstengebieten. Es hat nun militärische Optionen in mehrere Richtungen. In den vergangenen Monaten wurden dazu von der syrischen Armee systematisch neue Verbindungen geschaffen: von Damaskus nach Aleppo durch regimekontrollierte Gebiete, von Aleppo zum Flughafen, von Aleppo durch schiitische Dörfer an die syrisch-türkische Grenze. Aleppo dürfte das nächste Rückeroberungsziel sein, aber es gibt weitere Möglichkeiten, etwa Deraa an der Südgrenze, wo der Aufstand vor gut zwei Jahren begann.

Dass das syrische Regime im ganzen Land auf Dauer wieder die Kontrolle herstellen kann, glaubt dennoch niemand. Die offene Beteiligung der libanesischen schiitischen Hisbollah wird auf der Gegenseite eine Unterstützungswelle hervorrufen: Davon zeugt schon das Beschwören eines "schiitischen Jihadismus" – wissenschaftlich ein völliger Unsinn – in arabischen sunnitischen Golfmedien. Akut gefährdet ist dadurch der Friede im Libanon. Auch dort könnten Entlastungsaktionen syrischer Rebellen stattfinden, um die Hisbollah im Land zu binden.

Die Schiitenmiliz steht vor einer Wegkreuzung: Wenn sie das syrische Regime auch bei den zu erwartenden Kämpfen in Homs und Aleppo gegen die Rebellen unterstützt, straft sie ihre Behauptung Lügen, beim Einsatz von al-Qusayr habe es sich um die Verteidigung der beidseitig der Grenze lebenden lokalen Schiiten, quasi eigener Leute also, gehandelt. Die Entwicklung der Hisbollah zur offensiv agierenden Truppe in einem Krieg, der nicht der ihre ist – vielmehr ist er der des Iran –' wäre auch aus israelischer Sicht ein veritabler und dramatischer Paradigmenwechsel.

Es braucht ein gutes Stück Optimismus, um Erwartungen in die diplomatische Front – die Pläne für die "Genf II"-Konferenz – zu setzen. Abgesehen von ihrer Zerstrittenheit stehen der Teilnahme der Opposition auch die Niederlagen ihrer bewaffneten Verbündeten im Weg: Niemand verhandelt gerne aus einer Position der Schwäche heraus. Andererseits könnte gerade die derzeitige Lage bei der Opposition erstmals ein echtes Inter­esse an Verhandlungen hervorrufen. Die Hoffnungen, den Konflikt militärisch in absehbarer Zeit für sich entscheiden zu können, sind minimal. (DER STANDARD, 8.6.2013)

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