Gegenwart, fein durchdrungen

7. Juni 2013, 18:49
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Von Michael Fleischhacker belehrt zu werden, ist immer wieder ein Vergnügen

Immer wieder ein Vergnügen, von Michael Fleischhacker in der Montag-"Presse" auf luzide Weise belehrt zu werden. Diesmal stellte er die These auf: "Es ist doch nicht Pluralismus, wenn alle unterschiedlich ahnungslos sind." Ein solcher Satz setzt natürlich voraus, dass der Autor als einziges Wesen der Allheit der unterschiedlich Ahnungslosen überhoben sein muss, denn nur aus einer - leider nicht näher lokalisierten - höheren Warte konnte er erkennen, dass es "doch nicht Pluralismus" ist, was jene umtreibt, "die unterschiedlich ahnungslos sind".

Die höhere Warte fand er in den "Giardini von Venedig", und was er von dort sah, war erquickend. "Verglichen mit dem Gesinnungskitsch vergangener Jahre, als sich Künstler und Kuratoren als Speerspitze im Kampf gegen das kapitalistische Monster gefielen, von dessen Wesen sie ungefähr so viel verstanden wie Rudolf Steiner von der DNA der Fruchtfliege, bietet dieser "palazzo enciclopedico" tatsächlich ein umfassenderes Bild der Welt als viele vergangene Versuche der " kritischen" Durchdringung der Gegenwart."

Das ist gewiss erfreulich, auch wenn man nicht erfuhr, wie dieses "umfassendere Bild der Welt" aussieht, das den "vielen vergangenen Versuchen der "kritischen" Durchdringung der Gegenwart" folgte. Oder doch? Vielleicht so: "Der Rückzug aus dem ideologischen Circus Maximus in die Wunderkammer der Träume und Assoziationen kennzeichnet heute nicht nur die zeitgenössischen Kunst, sondern auch den zeitgenössischen Bürgerprotest und seine mediale Beschreibung."

Wenn schon der "zeitgenössische Bürgerprotest", etwa in der Türkei, vom "Rückzug aus dem ideologischen Circus Maximus in die Wunderkammer der Träume und Assoziationen" gekennzeichnet sein soll, warum nicht auch gleich die zeitgenössische Kunst? Das geht in einem Aufwaschen, und ist "verglichen mit dem Gesinnungskitsch vergangener Jahre, als sich Künstler und Kuratoren als Speerspitze im Kampf gegen das kapitalistischen Monster gefielen", eine "'kritische' Durchdringung der Gegenwart", die jeder "medialen Beschreibung" spottet.

Und weil es, wie immer, darum geht, das "kapitalistische Monster" aus dem "ideologischen Circus Maximus in die Wunderkammer der Träume" zu überführen, und sei es auf dem Umweg über die "Giardini von Venedig", musste der Wahrheit eine Gasse gebahnt werden. "Wahr ist auch, dass der Abstand zwischen den Armen und den Reichen größer wird, weil die Reichen schneller reicher werden als die Armen. Jenseits der alten ideologischen Schützengräben" - aber durchaus im Bereich des "ideologischen Circus Maximus" und dennoch nicht fern der "Wunderkammer der Träume" - stellen sich Fleischhacker zwei Fragen: Was, wenn es "diesen Unterschieden zu verdanken ist, dass sich die Situation der Ärmsten verbessert? Und in welche Richtung gehen wir in der Beurteilung des chinesischen Staatskapitalismus, der den größten Beitrag zur weltweiten Armutsbekämpfung geleistet hat?"

Tja, "in welche Richtung gehen wir" nun? Wieder bleibt uns Fleischhacker Erleuchtung schuldig. Macht aber nichts, denn jeder, der vom Wesen des "kapitalistischen Monsters" nur ein bisschen mehr versteht "wie Rudolf Steiner von der DNA der Fruchtfliege", und nicht wie "alle unterschiedlich ahnungslos" ist, wird eh wissen, in "welche Richtung wir in der Beurteilung des chinesischen Staatskapitalismus gehen".

Klarer beantwortete die Frage, "in welche Richtung wir gehen", Marga Swoboda in der "Krone bunt", ohne dafür einen Umweg über die "Giardini von Venedig" nehmen zu müssen. "Wir sind jetzt ganz unten angekommen. Kleiderschlitz bis zum Anschlag. Beingrätsche in der Totalen. Arschbacke als Visitenkarte. Eine Landplage, all die Ex-Ex-Girls." Mit ihrer "'kritischen' Durchdringung der Gegenwart" lieferte sie "tatsächlich ein umfassenderes Bild der Welt, kapitalistisches Monster" eingeschlossen.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar - kann man den Satz überhaupt noch so stehen lassen? Schreckliches Spiel zwischen Voyeuren und Publicity-Wracks. Denen beim Welken zuschauen in den Intimzonen. Jungen Mädchen verbrennen sehen in diesem einen kurzen Moment, in dem sie der Welt eine Arschbacke statt einer Visitenkarte vorlegen. . . Es sind keine schönen Bilder. Es sind Zeitdokumente der Verzweiflung." Und retour aus der "Wunderkammer der Träume" in den Circus Maximus: "Auf der Straße machen das auch immer mehr Frauen jeder Alters- und Gewichtsklasse" nach.

Wenn schon die Gegenwart durchdringen, dann richtig! (Günter Traxler, DER STANDARD, 8./9.6.2013)

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