"Müssen wach sein, uns empören, aufschreien"

7. Juni 2013, 18:27
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Am Kärntner Loiblpass wird der Leiden der KZ-Opfer gedacht - ÖVP-Landesrat Waldner droht Ulrichsberggemeinschaft mit Entzug sämtlicher Förderungen

Klagenfurt - Zwei Berge stehen in Kärnten für eine völlig unterschiedliche Gedenkkultur und daraus resultierende Politik. Während man auf dem Ulrichsberg unter dem Deckmantel eines soldatischen Heimkehrer-Europa-Treffens mit mutmaßlichen Verbindungen bis in die Neonazi-Szene eher der NS-Täter gedenkt, stehen am Kärntner Loiblpass die furchtbaren Leiden der KZ-Opfer im Vordergrund. Niemals hatten je Besucher der jeweiligen Gedenkfeiern auch denen auf dem "anderen" Berg beigewohnt.

"Wir dürfen uns nicht damit begnügen, die Vergangenheit zu beklagen, Kränze niederzulegen, Gedenkstätten zu errichten, sondern müssen wach sein, uns empören, aufschreien und etwas tun", warnt der Auschwitz- und Buchenwald-Überlebende, Schriftsteller, Diplomat und Journalist Ivan Ivanji anlässlich des heurigen Gedenkens an das KZ Loibl-Nord, zu dem auch die deutsch-französische Journalistin und Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld am Samstag erscheint. Klarsfeld erinnert daran, dass am 3. Juni 1943 der erste Häftlingstransport vom KZ Mauthausen am Loibl ankam, um hier, auf der "Baustelle des Todes", einen Straßentunnel zu graben, der dem Hitlerregime den militärischen Nachschub in die besetzten Gebiete Jugoslawiens und Norditaliens erleichtern sollte.

"Man leugnete noch lange die Existenz dieses Lagers, man wählte Kurt Waldheim und Jörg Haider, gegen die ich hier in Österreich zusammen mit meinen Freunden, den Söhnen und Töchtern der deportierten Juden aus Frankreich, sehr harte Kampagnen führte", so Klarsfeld: "Wir wurden hierbei mehrfach festgenommen und brutal behandelt."

Verweigerungshaltung

Es dauerte Jahrzehnte, bis Kärntner Politiker jeder Couleur ihre Verweigerungshaltung gegenüber den Loibl-KZ-Gedenkveranstaltungen aufgaben. Die Freiheitlichen blieben fast geschlossen fern. In mühevoller Kleinarbeit hat das private "Komitee Mauthausen aktiv" um den Uni-Professor Peter Gstettner das Gedenken aufgebaut und das KZ damit dem Vergessen entrissen. Alljährlich treffen sich am Loibl jetzt die letzten Überlebenden der einstigen KZ-Häftlinge, die als Arbeitssklaven der Nazis unter unvorstellbaren Bedingungen den Loibl-Tunnel graben mussten.

Mit der neuen Dreier-Regierung aus SPÖ, ÖVP und Grünen in Kärnten hat sich auch der politische Zugang zum Loibl-KZ völlig gewandelt. Der neue Kulturlandesrat Wolfgang Waldner (ÖVP) stellte sofort 68.000 Euro zur Verfügung, um die Überreste des KZ-Loibl-Nord samt Appellplatz als Mahnmal freilegen zu können.

Ganz anders lief das bei den üppig geförderten Ulrichsberg-Gedenkfeiern, die unter dem Motto "Nie wieder Krieg" gegründet und bald danach in den Fünfzigerjahren von der Waffen-SS-Kameradschaft IV unterwandert wurden. SPÖ, ÖVP und freiheitliche Spitzenpolitiker gaben sich dort ein Stelldichein neben infiltrierten Alt- und Neonazis, die man geflissentlich übersah.

Distanzierung gefordert

Nun hat der Datenforensiker Uwe Sailer in einer Strafanzeige wegen Wiederbetätigung an die Staatsanwaltschaft Klagenfurt enge Verbindungen zwischen der Ulrichsberggemeinschaft (UBG) und einer angeblichen Ulrichsberg-Facebook-Seite mit neonazistischem Hintergrund aufgedeckt - der STANDARD berichtete. Die Seite wirbt auch für das Ulrichsbergtreffen. Der Obmann der UBG, Hermann Kandussi, bestreitet jedoch jeden Zusammenhang mit dem Internet-Auftritt.

Jetzt dürfte die UBG nicht mehr automatisch per Landtagsbeschluss Förderungen bis zu 60.000 Euro erhalten. Waldner verlangt vom UBG-Vorstand eine hundertprozentige Distanzierung von rechtsradikalen Umtrieben und die Vorlage sämtlicher Förderabrechnungen, "sonst gibt es null Euro Steuergeld". Die Klagenfurter Grünen fordern FPK-Bürgermeister Christian Scheider auf, der UBG jede Unterstützung durch die Stadt zu entziehen. (Elisabeth Steiner, DER STANDARD, 8.6.2013)

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    Waldner verlangt vom Vorstand der Ulrichsberggemeinschaft eine hundertprozentige Distanzierung von rechtsradikalen Umtrieben.

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