Von Bienen und Menschen

7. Juni 2013, 18:07
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Zukunft. Ein sonniger Frühlingstag. Blühende Obstbäume. Zwitschern, Summen, Surren

(Onkel Fritz und sein elfjähriger Neffe Max schlendern durch eine Blumenwiese.)

MAX (einen Pfirsichbaum betrachtend, zu Onkel Fritz): Darf ich dich was fragen?

ONKEL FRITZ: Sicher. Du darfst alles fragen.

MAX: Ich möcht gern wissen ... Wie geht das eigentlich, dass da auf dem Baum auf einmal Pfirsiche wachsen?

ONKEL FRITZ: Ah, da bin ich froh, dass du das fragst. Ich hab mir schon Sorgen gemacht, schließlich bist du fast zwölf. Also, pass auf: Du hast doch auf deinem Smartphone diese Youporn-App.

MAX: Ja.

ONKEL FRITZ: Und da schaust du dir manchmal Filme an.

MAX: Oft.

ONKEL FRITZ: Und du siehst, was die Männer und Frauen in diesen Filmen miteinander tun.

MAX: Ja.

ONKEL FRITZ: Na siehst du, und bei den Pfirsichen ist es im Grunde dasselbe. Die Blüten gehen auf, dann kommen die Bienen und tun die Blüten -

MAX: Ich hab gedacht, es gibt keine Bienen mehr.

ONKEL FRITZ: Na ja, ein paar schon. Und die tun -

MAX: Die Mama sagt, viel zu wenig.

ONKEL FRITZ: Da hat die Mama recht. Aber wenn's keine Bienen gibt, nimmt man halt Drohnen.

MAX: Was sind Drohnen?

ONKEL FRITZ: Das sind ganz kleine Roboter, die fliegen überall herum. Da oben. Siehst du sie?

MAX (schaut nach oben. Nach einer kurzen Pause): Ja. Und die tun - ?

ONKEL FRITZ: Bestäuben nennt man's. Künstlich halt. So wie bei vielen Menschen.

MAX (zeigt zum Himmel): Da fliegt aber eine große Drohne! Tut die auch bestäuben?

ONKEL FRITZ: Nein, die hat eine Kamera, die passt auf, dass niemand was schmutzig macht oder in die Wiese pinkelt.

MAX: Und wenn trotzdem jemand in die Wiese pinkelt?

ONKEL FRITZ: Dann kommt eine ganz große Drohne und erschießt ihn.

(Vorhang)

(DER STANDARD, 8./9.6.2013)

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