Gern, doch selten gesehen

Kommentar7. Juni 2013, 17:56
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Elf Jahre Wiener-Festwochen-Ära Luc Bondy

Wer den Festwochen-Intendanten in Ausübung seiner Amtsgeschäfte beobachten wollte, hatte genau zwei Möglichkeiten. Zwei Inszenierungen steuerte Luc Bondy heuer zum Programm bei. Und um die Wiener in ihrem Abschiedsschmerz nicht allein zu lassen, händigte ein Telefonanbieter den Besuchern Stofftaschentücher aus ("Good-bye and good Luc!"). Die meisten Augen blieben trocken. Kaum ein Tüchlein musste gezückt und umständlich entfaltet werden.

Auch nach elf Jahren Festwochen-Intendanz ist Bondy ein Phantom geblieben. Einer der bedeutendsten Theaterregisseure Europas bekannte von vornherein sein eher maßvolles Interesse an planerischer Arbeit. Die nahmen ihm Marie Zimmermann und, bis heute, Stefanie Carp als Schauspielchefinnen ab. Siehe da: Das "Job-Sharing" half mit, das Festival zu durchlüften. Man riss Tore zur Welt auf und huldigte dem flüchtigen Gespenst der Globalisierung. Mit heiligem Ernst wurden Themenfelder abgegrast. Das postdramatische Zeitalter bescherte den Bühnenkünsten ein neues, etwas knöchernes Ethos.

Das Interesse an den Brennpunkten des Weltgeschehens überlagerte häufig genug das ästhetische Wohlgefallen. Und manchmal wirkte das Festwochen- Büro auch nur wie eine Außenstelle des internationalen Festivalzirkus. Dann übergoss der Mainstream einer politisch auf korrekt gebürsteten Avantgarde das Theaterfest.

Inmitten dieser Veränderungen wirkte Bondy, der Bühnenzauberer, wie ein einsamer König auf seinem Eiland. Die wechselnden Theatermoden mochten die Klippen überspülen. Er beharrte auf seinem fragilen Schauspielertheater. "Ich wünsche mir Leichtigkeit, und manchmal gelingt sie mir", hat Bondy einmal voller Selbsterkenntnis in einem Interview bekannt.

Der auch gesundheitlich mit Problemen kämpfende Prinzipal blieb als Festwochen-Intendant das rätselhafteste Wesen von allen: irgendwie anwesend, aber doch kaum da. Dafür besaß Bondy die in der Branche selten anzutreffende Größe, an Kollegen wie Christoph Marthaler in Treue festzuhalten. Das Verdorren des Musiktheater-Astes unter Stéphane Lissner nahm er reichlich ungerührt in Kauf.

Für Markus Hinterhäuser, den Festwochen-Intendanten ab 2014, muss der Sponsor noch keine Taschentücher besticken lassen. Sollte Salzburg locken: Hinterhäusers Vertrag läuft bis 2016. Und jede Aufkündigung wäre ein Affront. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 8./9.6.2013)

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