Die Wohnung ist wie ein permanentes Hotelzimmer

8. Juni 2013, 11:58
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Schriftsteller Christian David wohnt in einer kleinen Wohnung in der Wiener Innenstadt. Sein wichtigstes Möbel ist der Bürosessel

Der Schriftsteller Christian David wohnt in einer kleinen Wohnung in der Wiener Innenstadt. Wohnlichkeit ist ihm egal. Mehr als zu Hause fühlt er sich dort wie in einem Hotel. Michael Hausenblas hat ihn besucht.

"Ich bin hier vor 15 Jahren eingezogen, damals habe ich noch studiert. Die Wohnung liegt beim Schottentor in der Wiener Innenstadt, im sechsten Stock, und ist klein. Ich schätze sie auf etwa 35 Quadratmeter. Sicher bin ich mir aber nicht. Es gibt einen Wohn-Arbeits-Schlaf-Koch-Raum sowie ein Bad und ein WC. Und einen Balkon, auf den bei schönem Wetter den ganzen Tag die Sonne hinbrennt. Von dort hab ich einen herrlichen Ausblick auf das Schottenstift. Das Portal meines Hauses ist imposant, früher einmal war hier ein Vorgängerinstitut der heutigen Kontrollbank untergebracht. Der Teil, in dem ich wohne, ist allerdings relativ neu. Man könnte sagen, er wurde an den alten Bestand gepickt – mit dem Charme eines halbluxuriösen Gemeindebaus.

foto: lisi specht
Der Schriftsteller Christian David in seiner Bleibe, die er in erster Linie als Platz zum Arbeiten sieht. Geschrieben wird nur nachts.

Ich verwende diese Wohnung in erster Linie als Arbeitswohnung. Meine Freundin wohnt auch im ersten Bezirk, in der Nähe der Loos-Bar. Das ist sehr praktisch und empfehlenswert. Man sollte entweder in der Nähe einer guten Bar oder eines guten Fitnesscenters wohnen, am besten um die Ecke von beidem.

Man merkt, wie im ersten Bezirk zurzeit ein richtiger Verdrängungs- und Verteuerungswettbewerb stattfindet. Die Ministerialbürokratie breitet sich krakenartig aus, ansonsten geht es um Büros, Gastronomie und Events sowie um Wohnsitze für die Zwischenstopps der Neureichen. Wenn das so weitergeht, bin ich hier weg. Das ist nur künstlich. Außerdem ist es nicht nötig. Die Innenstadt wird so vollgestopft wie damals im 18. Jahrhundert, als noch eine Stadtmauer existierte.

Gott sei Dank gibt es in Wien noch einige andere schöne Gegenden. Ich liebe den 2. und 9. Bezirk, auch den 4. und 8. Bezirk. Ich habe bereits in den USA, in Italien und in England gelebt. Wenn ich ganz von hier wegginge, würde ich nach Australien wechseln, nach Melbourne oder Sydney. Es muss eine Stadt sein, vor allem wegen des kulturellen Angebots.

In meinem ersten Kriminalroman 'Mädchenauge' werden junge Frauen ermordet – in ihrem jeweiligen Zuhause. Das erste Verbrechen im Buch passiert auch in der Wiener Innenstadt. Es gibt eine Szene, in der der Chef der Mordkommission und die Staatsanwältin die Wohnung des Opfers besuchen. Beide hegen denselben Gedanken, nämlich dass sie in den Intimbereich eines Menschen eindringen.

Das ist ein großes Thema, das ich respektiere. Es gilt aber nicht für mich persönlich. Ich brauche die Wohnung nicht als Rückzugsort oder als intime Zone. Darum gibt es hier auch keinen Schnickschnack oder irgendeine Dekoration. Ich bin extrem neugierig, wie andere wohnen, aber persönlich lege ich keinen Wert auf Wohn liches. Es ist mir völlig egal. Vielleicht hat das mit der Geschichte meiner Familie zu tun, die in den letzten 200 Jahren kreuz und quer durch Europa gezogen ist, und das nicht immer freiwillig. Ein bisschen ist diese Wohnung wie ein permanentes Hotelzimmer. Ich hänge keine Sekunde an ihr. Würde ich morgen umziehen – kein Problem.

Die Einrichtung soll angenehm sein, sie soll funktionieren und sie darf mich nicht stören. Die Wohnung muss mir Platz geben und dienen – nicht den Möbeln. Ich möchte nicht abgelenkt werden, da könnte ich mich bei der Arbeit gleich ins Kaffeehaus setzen. Ich schreibe übrigens nur nachts.

Das wichtigste Möbel, der wichtigste Ort, ist mein Bürosessel. Das ist auch die einzige regelmäßige Neuanschaffung. Es ist ein Glück, wenn man sich den selbst aussuchen kann. Den meisten Menschen wird im Büro irgendetwas hingestellt, es sei denn, es handelt sich um die Bosse, die durch ihre Sessel den Status in der Hierarchie signalisieren." (DER STANDARD, 8./9.6.2013)

Christian David, 1972 in Wien geboren, studierte Film, Medien, Politik- und Kommunikationswissenschaft in Mailand und Wien. Er arbeitete für Film, Fernsehen und am Theater, u. a. in den Bereichen Regie, Produktion und Licht. Ausgehend von seiner Dissertation publizierte er 2006 eine Biografie über Klaus Kinski (Aufbau Verlag, Berlin). Der Thriller "Mädchenauge", 2013 bei Deuticke erschienen, ist Christian Davids Romandebüt. Bis November hält er mehrere Lesungen in Österreich. 2014 wird sein nächster Thriller erscheinen.

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hanser-literaturverlage.de

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