Theaterirrfahrt einer Gewissensbefragung

7. Juni 2013, 17:45
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"Die Ballade von El Muerto" im Hundsturm im Rahmen der Festwochenreihe "Into The City"

Wien - Das Stück belehrt: Seit 2006 hat der Krieg mexikanischer Drogenkartelle an die 60.000 Tote hinterlassen. Und El Muerto hat am Zustandekommen dieser Zahl nicht zu knapp mitgeballert. Hierfür hat er sich (zu Beginn der Ballade von El Muerto liegt er auf einem Stapel Drogenpakete fast nackt herum) zu rechtfertigen. Auf der Seite des Gesetzes tätig, ist ja El Fiscal (geschmeidig Helmut Berger) auf Geständnissuche. Mal drohend, dann wieder kumpelhaft umschmeichelt er Muerto.

Im Hundsturm, im Rahmen der Festwochenreihe "Into The City", erlebt man fortan einen Massenmörder beim Versuch, Seele wie Freiheit zu retten - Gewissensinventur ist angesagt: Ja, zuerst bekommst du kleine Jobs, musst nur ein Auto von einem Ort zum andere fahren. Und es gibt Geld, immer mehr Geld. Wie soll ein armer Junge da widerstehen, der für Mama nur ein Haus mit Garten kaufen will? Und haben die Verräter, die er ins Jenseits schickte, die Kugeln nicht redlich verdient?

Außerdem: War doch alles nur Befehlsvollzug, verstehst du! Und überhaupt: Warum lässt sich dieser El Fiscal nicht kaufen, wie all die verdammten Staatsanwälte, die schon ewig auf der Lohnliste von El Muertos Arbeitgeber stehen. Das verstehe einer. El Muerto versteht es nicht.

Das Stück von Komponist Diego Collatti und Autor Juan Tafur ist nur punktuell auf gutem Wege, das Psychogramm eines hitzigen Mördertypen zu vertiefen, die Architektur von Motivation und Kriminalmoral offenzulegen (Regie: Hannan Ishay). Über weite Strecken bleiben die Dialoge jedoch dem Gangsterklischee verpflichtet. Und wie die Theaterzeit verrinnt, franst die Geschichte aus, wird sie auf Nebengeleise gelockt und verliert sich im Nirgendwo eines passablen Musiktheaters, das mit Drogenballaden (Narcocorridos) arbeitet, die auch der Schrägheit des Freitonalen überantwortet werden.

Am dichtesten gerät die Ballade dort, wo El Muerto (stark Emanuel Fellner) sich mit einer blinden Frau unterhält, von der er nicht weiß, ob sie eines seiner Opfer wurde. Wie El Muerto beginnt, der Frau die Welt da draußen zu schildern, scheint ihn die Erkenntnis von der eigenen Gefrorenheit und mangelnden Empathie zu überkommen. Zum Schluss allerdings weiß man nicht: Ist El Muerto in Haft, ist er ein toter Höllenbewohner? Und wie er sich wieder hinlegt und die Mama ihn zudeckt (Ingrid Habermann), gefriert die Produktion zu stiller Ratlosigkeit. Der Lichtvorhang fällt, viele Fragen offen. Keine Schlusspointe. Eigentlich gar kein Schuss.   (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 8./9.6.2013)

Termine: 8., 10.-12., 14., 15. 6.

  • El Muerto (Emanuel Fellner) im Schwitzkasten der Erinnerungen an die eigene Existenz als Drogenkurier und Killer.
    foto: mangafas

    El Muerto (Emanuel Fellner) im Schwitzkasten der Erinnerungen an die eigene Existenz als Drogenkurier und Killer.

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