Esskultur und sozialer Status

Blog8. Juni 2013, 17:00
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Vielen Kindern fehlt der Sinn für gutes und gesundes Essen. Der soziale Status wirkt sich auf die Gesundheit aus

Im XXL-Kochtopf blubbert die rote Tomatensoße langsam vor sich hin. Daneben, im anderen Großbehälter die dazugehörige Bio-Vollkorn-Spaghetti. Davor stehen die Kinder in ungeduldiger Wartehaltung. Sie wollen endlich kosten, was sie gekocht haben. Diese Stunden sind die wohl lehrreichsten für die, die zum Lehr- und Kochkurs gekommen sind. Hier geht es um das Vermitteln von Werten: des Essens, der gesunden und ausgewogenen Ernährung oder all dem, was man unter "Esskultur" versteht. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.

Denn es gilt gegen den überhöhten, fettigen, salzigen und süßen Lebensmittelkonsum anzukämpfen. Auf den Pausenhöfen, vor und nach der Schule setzt sich das fort was Zuhause nicht hinterfragt wird: Ungesunde und schlecht zubereitete Schnell-Gerichte zu Schleuderpreisen werden in großen Mengen konsumiert. Immer verfügbar und für jeden leistbar.

Diese Essgewohnheiten sind bei weitem nicht nur unter jungen Menschen aus den niedrigen sozialen Milieus anzutreffen - trotzdem sind sie am stärksten davon betroffen. Die Kinder der Betreuungseinrichtung, repräsentieren exemplarisch das Gros dieser gefährdeten Risiko-Gruppe. Sie konsumieren viel Ungesundes und das durchgehend: Soft-Drinks, Kuchen, Chips, Pizza, Hamburger, Döner, Schokolade und Eis. Nicht wenige plagen sich im Alter von zehn Jahren schon mit ihrem Übergewicht, haben kariesbefallene Zähne oder  andere gesundheitliche Probleme. In ihrer unmittelbaren Umgebung kommt von Seiten der Erwachsenen kein Einspruch, vielmehr leben sie es ihnen vor.

Diabetes und Sterblichkeitsrisiko

Die Folgen von Fehlernährung sind beträchtlich und zeichnen ein besorgniserregendes Bild. Das deutsche Robert-Koch-Institut kommt in einer im Jahr 2006 angelegten Studie zum Schluss, das Diabetes-Fälle in der sozialen Unterschicht dreimal so hoch anzutreffen sind als in der obersten sozialen Schicht. Ähnliche Tendenzen sind beim Sterblichkeitsrisiko zu beobachten.

Zurück zu unserem Kochkurs: Das Essen ist aufgetischt, die Kinder scheinen den Geschmack von Gesundem sichtlich zu genießen. Gemeinsam hocken sie auf ihren bunten Holzstühlen, der Blick aufs Essen gerichtet, dazwischen ergeben sich Tischgespräche. Selbst kochen macht doch Spaß, hört man von manchen. Und trotzdem werden sie nach dem heutigen Tag wieder zurück nach Hause gehen und zumindest vorerst, ihre alten Essgewohnheiten frönen. Die Abgewöhnung der ungesunden Lebensweise ist schwierig, denn es sind Muster, die fast schon ritualisierte Züge angenommen haben. (red, daStandard.at, 8.6.2013)

Der Autor ist Mitarbeiter einer Jugendbetreuungseinrichtung. Er möchte - vor allem im Sinne seiner jungen KlientInnen - anonym bleiben.

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    Gesundes Essen wird den Kindern vermehr auch in der Schule außerschulischen Betreuungseinrichtungen näher gebracht.

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