Google denkt nicht über Zehen nach

Kolumne7. Juni 2013, 17:00
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Versäumnis auf dem Techno-Sektor

Eric Schmidt. Exchef von Google, und Jared Cohen, Direktor von Google Ideas haben gemeinsam ein Buch über unsere digitale Zukunft geschrieben (Die Vernetzung der Welt). Ihre Prognose: Abgesehen von Cyberterror und Online-Stalking wird das meiste eh ganz prima.

Wir werden noch mehr im Internet shoppen, mit unseren Freunden zwischen Grön- und Feuerland globale Wikis verfassen, und sollte es wider Erwarten doch einmal langweilig werden, beamt man sich einfach zur Unterhaltung die Teilnehmer des letzten Familienfestes als Hologramme ins Wohnzimmer.

Selbstverständlich revolutioniert die Digitaltechnik auch die Medizin: Auf diesem Gebiet bekommen wir es, so Schmidt und Cohen, mit "Nasenimplantaten" zu tun, die uns auf erste Anzeichen einer Erkältung aufmerksam machen. Der Chip in der Titanhüfte von Opa funktioniert als Schrittzähler, und wenn sich der digital vollversorgte Bürger "auf dem Weg in die Küche den großen Zeh am Küchenschrank anstößt", so wird sogleich eine Diagnose-App zur Hand sein, um festzustellen, ob der Zeh gebrochen oder nur verstaucht ist.

An dieser letzten Vorhersage der Google-Denker ist eigentlich weniger die Zukunftsaussicht eines Zehenscanners interessant als die deprimierende Erkenntnis, dass es unseren Techno- Gurus trotz aller Findigkeit auch künftig nicht gelingen wird, die Pein des Sich-die-Zehen-Anhauens aus der Welt zu schaffen.

Dabei wäre hier Abhilfe überfällig. Die Kollision von Zehen mit Tischbeinen, Bettpfosten, Kastentüren und anderen tückisch in der Tiefe lauernden Hartobjekten ist eine alte Menschheitsplage, die unser aller Lebenswege mit zuverlässiger Penetranz säumt und wiederholt Schmerz und Entwürdigung beschert. Ein Mensch kann nicht alberner wirken als in jenen Momenten, da er, rhythmisch kleine Au-au-au-Schreie ausstoßend, auf einem Bein durch die Wohnung hüpft. Das ist eine Erfahrung, die gleichsam in die unterste Schublade gehört.

Technologisch gefragt wären heute also nicht die zweitausendste Finanzverwaltungs-App oder der viertausendste Ego-Shooter, sondern vielmehr intelligente Tischbeine und sensible Bettpfosten, die beim Herannahen einer Zehe sofort elegant ausweichen und den Weg freigeben. Vielleicht könnte man bei Google Ideas ja einmal darüber nachdenken.    (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 8./9.6.2013)

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