Adolf und ich

    Glosse7. Juni 2013, 13:57
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    Der berühmteste Österreicher aller Zeiten spielt in der Geschichte meiner Familie eine große Rolle

    Meine Mutter, Jahrgang 1942, meint immer, ohne Hitler wäre sie jetzt nicht auf der Welt. Weil dann Opa in der Nacht, bevor er zu den Partisanen überläuft, nicht diesen Abschiedsbeischlaf hingelegt hätte, dessen Resultat meine Mutter ist.

    Nun lese ich in einem deutschen Nachrichtenmagazin, dass Hitlers Züge den Menschen in diversen Gegenständen auffallen. Genauso oft wie Jesus im Toast, Mohammed in einer Falafel oder Abraham auf Mazzes. Mich aber verfolgt das Gesicht des Diktators bereits ein Leben lang.

    Adolf im Nebel

    Wird man, so wie ich, in eine jugoslawische Partisanenfamilie hineingeboren, lernt man gleich nach den Namen der engsten Familienangehörigen noch zwei weitere: Josip Broz Tito und Adolf Hitler. Und der ursächliche Zusammenhang der beiden lautet dann: Hitler kommt nach Jugoslawien, schießt auf Oma und Opa, die dann zusammen mit Tito erfolgreich zurückschießen.

    Dabei sind zunächst die Gesichter der Protagonisten bekannt, weil Oma und Opa ja den ganzen Tag präsent sind, genauso wie Tito, dessen Gesicht jeden Tag in den Zeitungen, im TV, auf Plakaten und als Statue ernst aus der Historie blickend zu sehen ist. Bloß Hitler bleibt ein gesichtsloser Name, weil dem ja niemand in Jugoslawien ein Denkmal setzt. Erst später, als ich ein wenig fernsehen darf und Sendungen laufen, die Titos Kriegsweg beschreiben, bekommt sein Name auch die Stirntolle und das Fliegenbärtchen.

    Eine Zeit lang bin ich jedoch sehr verwirrt, weil mein Opa auch so ein Fliegenbärtchen trägt. Meine erste Theorie dazu ist, dass sich Opa womöglich beim Schießen auf Hitler irgendwie infiziert hat. Meine zweite Theorie, die entsteht, als ich zum ersten Mal von Winnetou erfahre, ist, dass Opa dem Adolf seinen Fliegenbart skalpiert und ihn nun als Beute unter der Nase trägt. Später aber erklärt man mir, dass diese Bartmode in der Jugend meines Opas (und Adis) gängig ist und er sie einfach aus Gewohnheit behält.

    Adolf ante portas!

    Natürlich nennt man ihn nie bei seinem Vornamen. Vielleicht, weil das zu niedlich ist. Hitler klingt ja für das slawische Ohr auch irgendwie bösartig, Kruppstahl-kantig und - na ja - deutsch. Dass er Österreicher ist, bleibt vorerst wurscht, für uns Balkanesen ist das alles unter Švabo subsumiert. Und wie ein Lied es singt, reitet der Švabo ein schwarzes Pferd - "crnog konja švabo jaše".

    Doch noch eigenartiger und wohl durch seine schattenhafte Allzeitpräsenz in unserer Familie hervorgerufen ist Hitlers scheinbare Unsterblichkeit. Als ich einmal im TV eine Doku über Hitler sehe, überfällt mich heillose Panik, weil der Sprecher sagt, Hitler werde nach Entfernung der österreichischen Grenzbalken auf Wien zumarschieren. Ich breche in Tränen aus und schluchze so haltlos, dass es Minuten dauert, bis ich meine Furcht artikulieren kann: "Hitler geht nach Wien! Der will Mama und Papa erschießen!"

    Erst ist man erstaunt, dann blickt man auf das TV-Gerät und begreift. Danach erklärt man mir, das sei nur Filmmaterial aus der Vergangenheit. Ich beruhige mich erst, als mein Opa mir versichert, dass er zusammen mit Tito den Hitler damals ordentlich und gründlich totschießt. Und die Oma Eva Braun.

    Adolf intravenös

    Dass Hitler das absolut Böse repräsentiert, steht für mich außer Zweifel. Doch in Österreich angekommen erfahre ich, dass er eine schöne Autobahn hinterlässt, jedem Deutschen Arbeit gibt und so die Weltwirtschaftskrise besiegt. Darüber hinaus, so mein damaliger Kumpel Günther, dessen Papa im Krieg von Hitler einen Panzer zum Herumfahren in Russland bekommt, sei ja das deutsche Volk von Hitler gegen die jüdische Weltverschwörung beschützt worden und brauchte außerdem Raum zum Leben.

    Auf diese gequirlte Scheiße habe ich zunächst keine Antwort, außer dass in Auschwitz ja auch Kinder ermordet werden, die ja wohl dem deutschen Volk ohne Raum etwas Böses anzutun kaum imstande sind. Doch Günther hat auch darauf ein "Argument": alles nur von der Siegerpropaganda und den Juden erfunden!

    Und es ist nur wenige Jahre her, dass ein unendlich dummer Neonazi mir versichert, dass nicht der Nationalsozialismus das Problem ist, sondern einige wenige extremistische Nazis. Außerdem, so der Dumpfgummi, steht ja im Heiligen Buch für Nazis, Hitlers "Mein Kampf", kein Wort von Judenmord. Nur von einer Übersiedelung. Und überhaupt, so das Ende des Idiotenmonologs, sind die Nazis total friedfertig, wenn man ihre nationalen Gefühle nicht beleidigt.

    Adolf virtuell

    Heute höre ich von Hitler und den Nazis oft im Zusammenhang mit österreichischen Politikern, die nur im Wald spielen, Hitlers Beschäftigungspolitik loben, Gaskammern leugnen oder eigenartige Meldungen in einem sozialen Netzwerk oder ihrer Heimatseite absondern. Und ich denke: "Sieh an, ich werd' die Type nicht und nicht los!"

    Bleibt noch die Frage, was ich vom sogenannten Verbotsgesetz halte. Ganz einfach: Es ist (leider) eine notwendige Schande. Der Republik ist es bis heute nicht gelungen, den latenten Hitlerismus in vielen Köpfen zu widerlegen. Was eine Schande ist. Andererseits, so frage ich mich, wie soll man diesem Unsinn argumentativ begegnen, wenn man Leuten verbietet, darüber zu reden? Oder sie vorsorglich aus dem Land jagt, bevor sie auch nur ein Wort sagen, wie es David Irving widerfährt, als er von unseren heimischen Naziwaldläufern eingeladen wird, braune Kacke zu rezitieren.

    Adolf in der Westentasche

    Ich trage immer ein Bild von meinem Opa in Uniform und eines von Adolf in Uniform bei mir. Einfach, damit ich, wenn mir wieder eine Dumpfbacke von Hitlers Wohltaten und guten Absichten schwadroniert, sicher sein kann, dass Opa den Adolf so richtig gut totgeschossen hat.

    Doch die allerdümmsten jener Kreaturen und eine genuine Schöpfung Mussolinis und Hitlers sind dalmatinische (Neo-)Ustaše. Irgendwie schaffen sie es zu verdrängen, das Adolf damals ganz Dalmatien seinem Kumpel Benito schenkt, was ihnen das jedem Ustaša so wichtige Kroatentum abspricht und sie zu Italienern macht. Wenn ich das heute einem solchen sage, merke ich die Wut über den unauflösbaren Gegensatz zwischen deren Glaube und der historischen Realität.

    Dann greife ich in die Westentasche und hole die beiden Bilder hervor. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 7.6.2013)

    • Bild nicht mehr verfügbar

      Eine Adolf-Hitler-Zinnfigur, die 2010 im Deutschen Historischen Museum in der Ausstellung "Hitler und die Deutschen - Volksgemeinschaft und Verbrechen" gezeigt wurde.

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