Hat der Glaube an die menschliche Überlegenheit ausgedient?

8. Juni 2013, 10:00
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Verhaltensforscher Karsten Brensing berichtet von Delfinen, die sich selbst Namen geben, Währungen entwickeln und Werkzeuge benutzen

Delfin Kelly aus dem US-Bundesstaat Mississippi war wohl langweilig. Von ihren Trainern wurde sie dazu abgerichtet, Müll aus dem Becken zu fischen. Dafür gab es Fisch. Bald verstand sie das Konzept des Warentausches oder, plakativer ausgedrückt: des Geldes. Kelly entwickelte daher dieses Spiel weiter: Wenn sie ein Stück Papier fand, schwamm sie damit nicht direkt zum Trainer. Zunächst versteckte sie ihren Schatz und zerkleinerte ihn schließlich, um ihn stückweise zu den Menschen zu bringen und dafür mehr Fisch zu kassieren.

Persönlichkeitsrechte für Tiere

Immer wieder wurden in den vergangenen Jahrzehnten solche Beobachtungen veröffentlicht. Welche Konsequenzen entstehen daraus für den menschlichen Umgang mit Tieren? "Ich bin im Laufe der Jahre zu der tiefen Überzeugung gekommen, dass wir Tiere falsch verstehen und daher auch sehr oft falsch behandeln", sagt der Meeresbiologe und Verhaltensforscher Karsten Brensing im Gespräch mit derStandard.at. Er betitelte sein neues Buch daher "Persönlichkeitsrechte von Tieren. Die nächste Stufe der moralischen Evolution".

Brensing wollte aber kein "klassisches Tierrechtsbuch" schreiben. Über die Leidensfähigkeit der Tiere gebe es schon sehr viele gute Abhandlungen. Für ihn stand eine Frage im Vordergrund: Wieso fühlt sich ein Großteil der Menschen den Tieren überlegen? Was ist das menschliche Alleinstellungsmerkmal? Was genau macht uns zu eigenständigen Persönlichkeiten, und gibt es das auch im Tierreich?

Der Meeresbiologe betont, dass er gar nicht abstreiten will, dass wir uns in einigen Punkten von anderen Tieren unterscheiden. Er will vielmehr die wissenschaftlichen Erkenntnisse hervorheben, dass viele Tiere Fähigkeiten haben, die wir ihnen vor noch nicht allzu langer Zeit abgesprochen haben. "Viele Aspekte, die wir an uns selbst als so wichtig und zentral empfinden, konnten bereits bei bestimmten Tierarten ebenfalls beobachtet werden", sagt er.

Geschäftstüchtiger Delfin

Um diesen Punkt genauer zu erklären, kehrt Brensing zurück zum Beispiel von Delfin Kelly aus Mississippi: "Sie hat verstanden, dass es eine Verrechnungseinheit gibt. Diese Währung kann man gegen Ressourcen eintauschen." Voraussetzung dafür sei ein planvolles Handeln, bei dem Ursache und Wirkung zeitlich getrennt verstanden werden.

Der geschäftstüchtige Delfin entdeckte noch weitere Einnahmequellen: Eines Tages brachte Kelly ihrem überraschten Trainer eine Möwe. Für den großen Gegenstand gab es mehr Fisch als üblich. Das Tier begann daher den letzten Fisch der Fütterung aufzuheben und legte sich auf die Lauer. Ihr Ziel: tote Möwe gegen Fisch.

Anpassungskünstler Delfin

"So etwas kann man in freier Wildbahn natürlich nicht beobachten", betont Brensing. Und daher findet es der Forscher besonders beachtlich, dass dieser Delfin in dieser "völlig unnatürlichen und letztlich auch gesundheitlich schädlichen Umgebung solche Anpassungsszenarien entwickeln konnte".

Einsatz von Werkzeug

Auch der Einsatz von Werkzeugen wurde bei Delfinen bereits beobachtet, um sich vor der Umgebung zu schützen. Um ihre empfindlichen Schnäbel zu schützen, haben Große Tümmler eine eigene Technik entwickelt. Sie benutzen einen Schwamm, wenn sie im groben, teilweise mit scharfkantigen Muschelstücken vermengten Bodensubstrat nach Nahrung stöbern.

Tierisches Selbstbewusstsein

Oft wird die Sprache als Königsdisziplin des Denkens herangezogen. Brensing ist da kritisch: "Wir wissen ja inzwischen, dass man sehr wohl denken kann, auch ohne sprechen zu können." Bei den Großen Tümmlern, einer in allen Ozeanen verbreiteten Delfin-Art, wurden sogenannte Identifikationspfiffe entdeckt.

Die Jungtiere erlernen die Technik zunächst von ihren Müttern. Innerhalb der ersten Lebenswochen reichern sie den speziellen Ton des Muttertiers mit etwas Eigenem, Charakteristischem an. "Sehr menschlich betrachtet könnte man sagen, dass sie einen Vor- zu ihrem Nachnamen entwickeln", sagt Brensing. Doch auch ohne Parallelen zum Menschen zu ziehen könne man zumindest feststellen, dass in diesem einen Erkennungspfiff sehr viel abstrakte Information über die Individualität des Tieres steckt.

Abgrenzung zu anderen

Der Meeresbiologe spinnt den Gedanken rund um diese wissenschaftliche Entdeckung weiter: Viele Tiere mit so komplexen Sozialstrukturen wie Delfine erkennen einander an der Stimme. Weshalb entwickeln sie trotzdem einen Erkennungston? Darüber kann im Moment nur spekuliert werden, eine Antwort hat die Wissenschaft noch nicht gefunden. "Bei Menschen passiert das, da sie sich als Individuen abgrenzen wollen. Außerdem kann man dadurch über Dritte kommunizieren", meint der Wissenschaftler.

Wissenschaftliche Erkenntnisse erfordern radikales Umdenken

Oft wird die Technik als besondere Leistung der Menschen herangezogen: Unsere Fähigkeit, uns in Flugzeugen fortzubewegen, Computer und Handys zu benutzen und Häuser zu bauen, sei ein Alleinstellungsmerkmal. "Das ist auch sehr richtig", bestätigt Brensing. Der Grund dafür ist aber keine Einzelleistung, sondern unsere Fähigkeit, sehr komplex und vielseitig miteinander zu kooperieren - eine Fähigkeit, die es eben bis zu einem gewissen Grad auch im Tierreich gebe. Der Mensch habe das lediglich perfektioniert.

Die Konsequenz, die Karsten Brensing aus diesen Erkenntnissen zieht: Es wird Zeit, bestimmten Tierarten Persönlichkeitsrechte zuzugestehen. Denn lange glaubten die Menschen, dass sie durch Empathie, Sprache oder den Einsatz von Werkzeugen das Recht haben, sich selbst in einer Sonderstellung zu sehen. Der Wissenschaftler beschreibt in seinem Buch noch zahlreiche weitere Beispiele von Tierarten, die abstrakt handeln und sich als Individuen deutlich abgegrenzt haben.

Nicht nur Arten-, sondern Individuenschutz

Der Forscher fordert daher mehr als klassischen Tier- und Artenschutz: Er verlangt ein radikales Umdenken. Es werde Zeit, Tiere wie etwa Schimpansen, Delfine und Krähen als Persönlichkeiten zu verstehen und ihnen entsprechende Rechte einzuräumen. Er ist der Überzeugung, dass Tiere, die sich von einem "Was" zu einem "Wer" entwickelt haben, also einen Personenstatus erreicht haben, generell gar nicht getötet oder genutzt werden dürften: "Genauso wie Menschen haben sie ein Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit." (Julia Schilly, derStandard.at, 8.6.2013)

Karsten Brensing ist Meeresbiologe und Verhaltensforscher. Er hat an der FU Berlin über die Interaktion zwischen Delfinen und Menschen promoviert und Forschungsprojekte in Florida und Israel geleitet. Seit 2005 arbeitet er für die internationale Wal- und Delfinschutzorganisation WDC. Dort liegt sein Schwerpunkt auf der Lärmverschmutzung der Meere.

Tag des Meeres

Der Tag des Meeres geht auf den Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro zurück. Die Vereinten Nationen setzten schließlich 2009 den 8. Juni als Tag des Meeres fest. Die Ozeane werden als bedeutend für Ernährungssicherheit, Gesundheit und das Überleben allen Lebens, für das Klima und als ein kritischer Teil der Biosphäre gesehen. Informationskampagnen und politische Appelle begleiten jedes Jahr diesen Tag.

Walrecht.de


Karsten Brensing
Persönlichkeitsrechte für Tiere
Die nächste Stufe der
moralischen Evolution
Verlag Herder
240 Seiten, 18,50 Euro
  • Ab wann ist ein Tier eine eigene Persönlichkeit und welche moralischen Verpflichtungen ergeben sich daraus für Menschen?
    foto: reuters/paul hanna

    Ab wann ist ein Tier eine eigene Persönlichkeit und welche moralischen Verpflichtungen ergeben sich daraus für Menschen?

  • Meeresbiologe und Delfinforscher Karsten Brensing berichtet in seinem neuen Buch von komplexen sozialen Gebilden, strategischem Denken, Trauer und Sprache im Tierreich.
    foto: wdcs

    Meeresbiologe und Delfinforscher Karsten Brensing berichtet in seinem neuen Buch von komplexen sozialen Gebilden, strategischem Denken, Trauer und Sprache im Tierreich.

  • Der Einsatz von Werkzeugen wird schon lange nicht mehr nur bei Primaten beobachtet. Der National Academy of Science aus den USA gelang eine Aufnahme eines Delfins, der als Schutz des empfindlichen Schnabels einen Schwamm benutzt.
    foto: ap/national academy of sciences/janet mann

    Der Einsatz von Werkzeugen wird schon lange nicht mehr nur bei Primaten beobachtet. Der National Academy of Science aus den USA gelang eine Aufnahme eines Delfins, der als Schutz des empfindlichen Schnabels einen Schwamm benutzt.

  • Auch bei anderen Tieren werden immer wieder verblüffende Fähigkeiten zu strategischem Denken entdeckt. Diese Krähe legte im Rahmen eines Experiments an der Universität Cambridge Steine in ein Glas, um den Wasserspiegel zu erhöhen. Dadurch gelangte sie schließlich an einen Wurm, der an der Wasseroberfläche trieb.
    foto: ap/the university of cambridge

    Auch bei anderen Tieren werden immer wieder verblüffende Fähigkeiten zu strategischem Denken entdeckt. Diese Krähe legte im Rahmen eines Experiments an der Universität Cambridge Steine in ein Glas, um den Wasserspiegel zu erhöhen. Dadurch gelangte sie schließlich an einen Wurm, der an der Wasseroberfläche trieb.

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