Russland will mit Highspeed-Zügen glänzen

6. Juni 2013, 17:41
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Bis zur Fußball-WM 2018 sollen die ersten Züge rollen. Die Bahn wittert Modernisierung, Kritiker ein Milliardengrab

Erst der APEC-Gipfel in Wladiwostok, dann Olympia in Sotschi und die Fußball-WM. Nun hat die russische Führung ein neues Milliardenprojekt angeschoben: Der Bau von Hochgeschwindigkeitsstrecken bei der Eisenbahn soll die Diversifizierung der russischen Wirtschaft vorantreiben, neue Arbeitsplätze und bessere Lebensverhältnisse für die Russen schaffen.

Bisher geht es in Russland eher gemächlich voran. Eine Bahnfahrt von Moskau nach Sotschi beispielsweise nimmt über 30 Stunden in Anspruch, nach Wladiwostok ist der Reisende sogar eine ganze Woche unterwegs. Lediglich nach St. Petersburg, der Heimat von Präsident Wladimir Putin und eines großen Teils des Beamtenheers in Moskau, wurde so etwas wie eine Schnellverbindung eingerichtet. Seit Ende 2009 setzt Siemens auf der Strecke sein russisches ICE-Pendant Sapsan ein.

Moskau-Kasan

Für die Entfernungen in Russland ist allerdings selbst die Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h zu langsam, und so sollen spezielle Hochgeschwindigkeitsstrecken gebaut werden. Galt lange Zeit St. Petersburg als erstes Ziel, so hat die russische Führung nun überraschend die Richtung geändert. Bis 2018 soll eine Strecke von Moskau ins 800 Kilometer entfernte Kasan - wie Moskau ebenfalls ein Austragungsort der Fußball-WM in Russland - entstehen.

"Theoretisch" könne die Strecke rechtzeitig zu dem Ereignis fertig sein, erklärte Verkehrsminister Maxim Sokolow vorsichtig. Die Kosten sind allerdings gewaltig. Laut der russischen Bahn AG RZD liegen sie bei 25 Milliarden Euro. Die Spitzengeschwindigkeit soll bei 350 km/h liegen, die Fahrtzeit von 14 auf dreieinhalb Stunden sinken.

Millionenstädte

"Wir haben die Bevölkerungsdichte, die Aktivität der Regionen, aber auch geopolitische Aspekte bei der Planung berücksichtigt. Der Bau einer Bahn nach Osten eröffnete neue Perspektiven in der Region", begründet RZD- Vizechef Alexander Mischarin die Entscheidung. An der Strecke liegt bereits die Millionenstadt Nischni Nowgorod. Perm, Ufa und Samara sollen durch einen weiteren Schnellstrang angeschlossen werden, und auch die Ural-Metropole Jekaterinburg ist perspektivisch im Visier.

Daneben ist der Bau von Highspeed-Strecken nach Sotschi und nach St. Petersburg geplant. Die Gesamtkosten schätzt der Putin-Vertraute, Bahnchef Wladimir Jakunin, auf 125 Milliarden Euro. Zudem sollen weitere Schnellstrecken (bis 200 km/h), unter anderem auch Richtung Europa (nach Berlin und Kiew), gebaut werden. Für solche Schnellstrecken müssten noch einmal 35 bis 40 Mrd. Euro investiert werden.

Know-how europäischer Konzerne

Technologiekonzerne wie Siemens und Alstom haben bereits Interesse verkündet. Internationale Partner bei dem Projekt seien nötig, bekennt die russische Führung, fordert zugleich aber auch einen Technologietransfer. Ein Fertigprojekt brauche er nicht, verkündete Jakunin. Der Bau der Hochgeschwindigkeitsstrecken solle auch der Diversifizierung der russischen Wirtschaft dienen - immerhin eins der Wahlversprechen von Putin.

"Gut ein Dutzend Industriesektoren sind mit dem Bau von Hochgeschwindigkeitszügen verbunden, darunter Metallurgie, der Hightech- und IT-Sektor, die Bauwirtschaft und der Maschinenbau", führt sein Stellvertreter Mischarin aus. Zudem diene das Projekt der Ausbildung von Fachkräften und dem Vorantreiben der Wissenschaft.

Nicht alle Experten sind vom Erfolg des Pilotprojekts überzeugt. Bemängelt wird speziell die mangelnde Wirtschaftlichkeit. Wassili Koltaschew, Leiter des Zentrums für Wirtschaftsforschung am Institut für Globalisierung und soziale Bewegungen, nennt die Milliardeninvestitionen in die Strecke Moskau-Kasan "unzweckmäßig". Um einen Effekt zu erzielen, seien sieben bis zehn Strecken nötig. "Bei uns versuchen sie in allen Sektoren mit solchen Paradeprojekten die reale katastrophale Lage zu verdecken", kritisierte er. (André Ballin, DER STANDARD, 7.6.2013)

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    Das ICE-Pendant Sapsan von Siemens fährt derzeit zwischen Moskau und St. Petersburg. Jetzt wollen die Russen kein Fertigprodukt, sondern einen Technologietransfer.

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