Kein Hochwasserschutz in Marbach: "So kann dieser Ort nicht weiterbestehen"

Interview7. Juni 2013, 10:25
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Der Bürgermeister der niederösterreichischen Gemeinde sieht die Verantwortung für die Überschwemmung bei Land und Bund

Seit Jahren wartet die kleine niederösterreichische Gemeinde Marbach an der Donau auf den Bau eines Hochwasserschutzes - bisher vergeblich. Nun hat es den 1.600-Einwohner-Ort im Bezirk Melk zum zweiten Mal innerhalb von elf Jahren überflutet, in den vergangenen Tagen herrschte Ausnahmezustand. Die Schäden hätten verhindert werden können, sagt Bürgermeister Anton Gruber (SPÖ). derStandard.at sprach mit ihm über die Stimmung im Ort, das Ausmaß der Schäden und warum diesmal viel weniger Heizöl in die Umwelt gelangte.

derStandard.at: Herr Bürgermeister, wie ist die aktuelle Hochwassersituation in Marbach?

Gruber: Seit Donnerstagvormittag ist das Wasser Gott sei Dank wieder weg. Der Ortskern war seit Sonntagfrüh überflutet, mittlerweile haben wir das letzte Wasser abgepumpt.

derStandard.at: Kann man das Ausmaß der Schäden schon beziffern?

Gruber: Derzeit kann man das noch nicht genau abschätzen. Wir gehen davon aus, dass etwa 150 Liegenschaften betroffen sind, drei Viertel davon schwer. Das finanzielle Ausmaß der Schäden wird erst bezifferbar, wenn die Schadenskommission ihre Arbeit aufnimmt. Das ist bereits für Montag angesetzt.

derStandard.at: Ist auch mit schweren Umweltschäden, etwa durch geflutete Ölheizungen, zu rechnen?

Gruber: Die Umweltverschmutzung ist heuer zum Glück wesentlich geringer als 2002. Das liegt einfach daran, dass die Prognosen so exakt waren. Wir haben uns bereits am Freitag den Kopf darüber zerbrochen, was zu tun ist, wenn das Wasser wirklich kommt. Am Samstag haben wir dann begonnen, Öltanks auszupumpen, das hat sehr gut funktioniert. Mit vereinzelten Ölschäden ist zwar dennoch zu rechnen, aber das Ausmaß ist nur ein Bruchteil dessen, was beim letzten Hochwasser los war.

derStandard.at: Sie haben sich in einem Interview mit der "Presse" geärgert, man habe Marbach "absaufen lassen", indem der Baubeginn eines Hochwasserschutzes seit Jahren immer wieder verschoben worden sei. Seitens der zuständigen Abteilung Wasserbau des Landes Niederösterreich heißt es aber, als Baustart sei immer 2016 festgestanden, von einem früheren Zeitpunkt sei nie die Rede gewesen.

Gruber: Das macht mich sehr wütend. Vor mir liegt ein Schreiben jener zuständigen Abteilung, in dem es wörtlich heißt, einem Baubeginn im Jahr 2009 stehe - nach Maßgabe der vorhandenen Mittel - aus Sicht der Abteilung Wasserbau nichts im Wege. Dann hat man uns immer wieder vertröstet, weil Land und Bund kein Geld aufbringen könnten. Erst auf 2012, dann 2014, dann 2016. Gestern habe ich erfahren, Landesrat Stephan Pernkopf (ÖVP) geht von einem Baubeginn überhaupt erst 2017 aus.

derStandard.at: Laut der Behörde ist die Situation zum Bau eines Hochwasserschutzes in Marbach sehr komplex, weil mehrere Bachgerinne und die Nähe zum Donau-Kraftwerk Melk berücksichtigt werden müssen.

Gruber: Ja, das ist richtig. Es hat lange Verhandlungen mit dem Verbund als Betreiber des Kraftwerks gegeben, weil ein Hochwasserschutz auf dessen Anraten errichtet werden muss und Abschlagszahlungen vom Verbund an die Gemeinde zu erfolgen haben. Das hat lange gedauert, aber mittlerweile liegt alles fix und fertig auf dem Tisch - die Projektplanung, die Einigung mit dem Verbund. Es fehlt nur die Zusage von Land und Bund.

derStandard.at: Marbach war ja auch vom Hochwasser 2002 massiv betroffen. Wie hat die finanzielle Katastrophenhilfe damals funktioniert?

Gruber: 2002 hatten wir einen Gesamtschaden von etwa 18 Millionen Euro. Es wurde einiges aus dem Katastrophenfonds ausbezahlt, aber es ist auch viel über private und lokale Initiativen passiert. Ich war damals noch nicht Bürgermeister von Marbach, aber ich erinnere mich etwa an die großzügige Zuwendung seitens der damaligen Bürgermeisterin von Wiener Neustadt (Traude Dierdorf, SPÖ, Anm.).

derStandard.at: Welche Maßnahmen sind heuer notwendig?

Gruber: Nächsten Montag beginnt die Schadensbegutachtung, wir werden uns bemühen, für die Betroffenen so schnell wie möglich Hilfe zu bekommen. Wir verlassen uns auf die Zusage von Landesrat Pernkopf, dass nach Bezifferung der Schäden umgehend ausbezahlt wird.

Darüber hinaus ist das Wichtigste, dass sich Land und Bund an ihre Versprechen erinnern und uns ehestens unterstützen - der Bau eines Hochwasserschutzes muss so schnell wie möglich beginnen. Ich erwarte mir das für 2014. Denn wenn das wieder hinausgeschoben wird, kann ich nicht garantieren, dass Marbach in dieser Form weiterbestehen kann.

derStandard.at: Wie gehen denn die Bewohner von Marbach mit der Katastrophe um? Wie ist die Stimmung im Ort?

Gruber: Einige Menschen wurden zum wiederholten Mal schwer vom Hochwasser getroffen. Privatpersonen, viele Kleinbetriebe und auch der einzige Nahversorger im Ort haben schwere Schäden erlitten. Seit heute ist ein Kriseninterventionsteam unterwegs und besucht alle Betroffenen. Die Leute sind natürlich wütend auf die Politik, dass das heurige Hochwasser nicht durch rechtzeitige Maßnahmen verhindert wurde.

Es gibt aber auch eine positive Stimmung im Ort. Das Hochwasser hat den Zusammenhalt in der Gemeinde verstärkt. Es gab sehr viel Unterstützung - von freiwilligen Helfern, Feuerwehren, Polizisten, dem Bundesheer. Wir brauchten auch keine Notquartiere, Betroffene konnten bei Nachbarn und Freunden unterkommen. Das gibt einem Hoffnung. (David Rennert, derStandard.at, 7.6.2013)

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    Marbach an der Donau wurde - wie schon 2002 - schwer vom Hochwasser getroffen.

  • Für Bürgermeister Anton Gruber ist die Politik daran schuld.
    foto: privat

    Für Bürgermeister Anton Gruber ist die Politik daran schuld.

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