Investoren zieht es nicht mehr nach Osteuropa

6. Juni 2013, 13:46
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Das Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche geht heuer von einem 20-prozentigen Minus der Auslandsinvestitionen aus

Wien - Ausländische Investoren meiden Ost- und Südosteuropa. Ihr Geld spielt nicht mehr die Rolle eines Wachstumsmotors für die Region. In den meisten Ländern gab es Rückgänge, sagte Gabor Hunya, Experte beim Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), am Donnerstag in Wien. Heuer erwartet er einen weiteren deutlichen Rückgang der ausländischen Investitionen in der Region - im Schnitt um etwa ein Fünftel. Ausnahmen sind die starken Anstiege in Tschechien und Ungarn im Jahr 2012, die mit Finanztransfers zusammenhängen dürften.

Drehscheibe Ungarn

Besonders auffällig sei die Lage in Ungarn, wo die Statistik für 2012 fast eine Verdreifachung der Ausländischen Direktinvestitionen (FDI) von knapp vier Milliarden Euro auf über zehn Milliarden Euro ausweist. In Ungarn gebe es aber viele "Transitgesellschaften", wo Geld aus dem Ausland eingeht, um sofort wieder ins Ausland abzufließen. Darum haben laut Statistik Ungarns Unternehmen auch acht Milliarden Euro im Ausland investiert - eine unrealistische Annahme für die Firmenstruktur des Landes, so Hunya.

Gerade angesichts der von ausländischen Firmen häufig kritisierten Wirtschaftspolitik und der stagnierenden Wirtschaft sei ein Anstieg der Investition nicht zu erwarten gewesen. Hunya schätzt, dass nur rund ein Zehntel der ausgewiesenen FDI reale Investitionen im Land spiegeln.

Gekommen, um nicht zu bleiben

Aber auch in anderen Ländern zeigt die Detailanalyse Probleme: So flossen zwar 8,2 Milliarden Euro an neuen FDI nach Tschechien, aber zugleich gab es aus früheren solchen Investitionen Einnahmen von gut zwölf Milliarden Euro, die zu 60 Prozent (gut sieben Milliarden Milliarden Euro) auch wieder in die Heimatländer der Investoren flossen. Auch in Polen machten die Einnahmen aus früheren FDI, die den ausländischen Investoren zugute kommen, mit rund 13 Milliarden Euro deutlich mehr aus als die neuen Investitionen, die in das Land flossen (7,2 Milliarden Euro). 70 Prozent der Einnahmen wurden 2012 repatriiert, also mehr als als Neuinvestition verbucht wurde.

Mit Fragezeichen zu versehen sind auch die Investitionen in Russland, meint Hunya. 40 Milliarden Euro flossen in das Land und gleich hohe 40 Milliarden Euro flossen von dort ins Ausland. Hunya spricht von "Roundtripping-Kapital". Der Einkommensabfluss für frühere Investitionen lag mit 52 Milliarden Euro noch höher. Auch wenn es von großen Firmen wie Gazprom natürlich reale Auslandsinvestitionen gebe, sei in dem Abfluss sicher ein hoher Teil von Transfergeld.

USA versteckter Investor

Hunya will das Wort "Steueroase" nicht in den Mund nehmen, aber klar sei, dass solche Konstruktionen auch steuerliche Gründe haben. Das Stichwort ist "Roundtripping Kapital", das aus steuerlichen Gründen ins Ausland und dann wieder zurück transferiert wird. Das kann etwa Sinn machen, wenn es unterschiedliche Bilanzierungszeiten gibt und Geld vor der Bilanzerstellung in ein anderes Land verschoben wird - und danach wieder zurück. In der FDI-Statistik seien weiters "Transitkapital", das von einer Tochtergesellschaft zur nächsten verschoben wird, und "andere steueroptimierende Flüsse" enthalten.

Steuerregeln erklären wohl auch, warum die Niederlande laut Statistik bei FDI Herkunftsland Nummer eins in den osteuropäischen Staaten und am Balkan sind. In Wahrheit stecken auch viele US-Konzerne dahinter - diese sind nämlich bei der Zählung konkreter Projekte (Greenfield-Investitionen) ganz weit vorne, bei der offiziellen Statistik der Zahlungsflüsse hingegen nur unter "ferner liefen".

Diese geplanten Projekte entwickeln sich auch ganz anders als die in der Zahlungsbilanz verbuchten FDI: Die Zahl der Greenfield-Projekte in Ost- und Südosteuropa ging 2012 um 17 Prozent zurück, die Investitionen fielen um ein Drittel auf einen Tiefststand und hier entwickelten sich Tschechien und Ungarn genauso rückläufig. Diese Zahlen spiegeln die Investitionstätigkeit in der Region realistischer als die Zahlungsströme, meint Hunya. (APA/red, 6.6.2013)

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    Fliegerparade am Moskauer Roten Platz.

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