Ein Quantum Trost bei schlechtem Wetter

Blog6. Juni 2013, 12:20
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Was Informatiker und Meteorologen gemeinsam haben

Der Beamer funktioniert nicht. Das ist umso bitterer, als sich das in der Vorlesung namens "Technische Grundlagen" zuträgt. Der Vortragende im großen Hörsaal wird langsam nervös, bringt das Ding aber nicht zum Laufen. "Hat heute hier schon jemand einen Vortrag gehört, bei dem der Beamer gegangen ist?" Keiner der rund 80 Anwesenden gibt eine Antwort. Also nein. Der Vortragende eilt davon, um einen Techniker zu holen.

Wenig später kehrt er mit gleich zwei Technikern zurück, die an Pult und Laptop herumfingern. Ohne Ergebnis. Ein dritter Techniker trifft ein. Auch er kann nicht helfen. Der Vortragende beschließt, mit allen Hörern den Saal zu wechseln und vom Untergeschoß in den zweiten Stock zu wechseln. Nur die Schnellsten werden einen Sitzplatz bekommen, weil der Hörsaal im zweiten Stock um mehr als die Hälfte kleiner ist als jener ursprünglich vorgesehene.

Ich frage mich, warum man die Vorlesung nicht auch ohne Beamer abhalten kann. "Es lebe das gesprochene Wort!", möchte ich rufen, aber bevor ich noch Atem holen kann zu einer flammenden Rede, werde ich auch schon beinahe niedergetrampelt von den Kolleginnen und Kollegen, die gen zweiten Stock strömen. Nun gut. Zum Glück fällt mir das Stiegensteigen noch leicht, und ich verplempere nicht meine Zeit beim Aufzug wie manche, die aufs falsche Pferd setzen und dann keinen Sitzplatz mehr ergattern.

Der Vortragende macht den lustigen Vorschlag, doch enger zusammenzurücken. Das wäre eine gute und richtige Idee, handelte es sich um Sitzbänke und nicht wie hier um einzelne Klappsitze. Irgendwie quetschen sich dann doch alle hinein. Es geht um Prozesszustände und Scheduling, und - man kann sagen, was man will - manchmal sind diese Anglizismen doch von Vorteil. Wer möchte schon "Zeitschlitz" sagen, wenn er "Time Slice" oder gar "Quantum" verwenden kann. So macht das Latinum auch in der Informatik Sinn.

In Mathe gibt es dann kein Platzproblem. Nur 22 Hörer und -innen sind da, um etwas über die orthogonalen Transformationen zu lernen. Dabei bringt der Vortragende immer so anschauliche Beispiele für sinnvolle Anwendungen, zum Bespiel hochaktuell zum Thema Wettervorhersage. Ohne Hauptkomponentenzerlegung geht da nichts, und über die Visualisierung solcher Daten wurden schon Dissertationen geschrieben.

Übrigens haben Informatiker mehr mit Meteorologen gemein, als man denkt. Sie finden laut einer Studie der Universität Wien nach ihrem Abschluss am schnellsten einen Job. Sie brauchen dafür im Schnitt weniger als einen Monat. (Tanja Paar, derStandard.at, 6.6.2013)

Tanja Paar, geb. 1970, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Graz, Wien und Lausanne. Nach journalistischen Aufenthalten bei "Falter", "Trend" und "Profil" ist sie seit zehn Jahren Redakteurin des STANDARD. Nun macht sie ein Jahr lang Bildungskarenz und kehrt an die Uni zurück. Sie studiert Informatik an der Universität Wien.

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