Ein Puzzleteil im Menschenstammbaum

5. Juni 2013, 19:00
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Wissenschafter haben das bisher älteste Skelett eines Primaten erforscht: Das Tier, das vor 55 Millionen Jahren lebte, gibt auch Aufschluss über jene evolutionäre Linie, die letztlich zum Menschen führt

London/Beijing/Wien - Vor 55 Millionen Jahren war die Welt ein Treibhaus. Ein starker Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre ließ Regenwälder bis nach Alaska wuchern, Grönland und die Antarktis waren eisfrei. Das damalige thermale Maximum war eine gute Zeit, Primat zu sein. Die Spezie war allerdings noch nicht sehr weit in ihrer Entwicklung. Nur zehn Millionen Jahre davor waren die Saurier ausgestorben. Die Primaten hatten sich gerade einmal in die Unterordnungen der Feuchtnasenprimaten, aus denen später Loris und Lemuren werden sollten, und in Trockennasenprimaten aufgespalten - jene evolutionäre Linie, die sehr lange Zeit später zum Menschen führte.

Ein Fossilienfund, dessen Auswertung nun in "Nature" veröffentlicht wurde, zeigt, dass zu jener Zeit bereits eine weitere evulotionäre Aufspaltung vollzogen war: jene der Trockennasenprimaten in Affen (Anthropoidea) und Koboldmakis (Tarsiiformes).

Das von einem Bauern in einem früheren See in Zentralchina gefundene Fossil, das von dem mausgroßen, nur 30 Gramm schweren Tier zeugt, ist das älteste, fast vollständig erhaltene Skelett eines Primaten. Damit war Archicebus achilles, wie die Forscher die Spezies nennen, kleiner als die kleinste Primatenart, die heute lebt, der auf Madagaskar beheimatete Zwerg-Mausmaki.

Archicebus gehört laut der Forscher zu den Koboldmakis, zeigt aber, dass zu seinen Lebzeiten die Trennung der Linie von den Anthropoiden noch nicht lange zurücklag. Das Tier "unterscheidet sich radikal von jedem anderen lebenden oder als Fossil bekannten Primaten", sagt Christopher Beard vom Carnegie Museum of Natural History in Pittsburgh, der an der zehn Jahre dauernden Erforschung des Fossils beteiligt war. Es vereinbare Eigenschaften beider Linien: die Füße eines kleinen Affen, Arme, Beine und Zähne eines sehr frühen Primaten und einen Schädel mit Hinweisen auf überraschend kleine Augen.

Besonders das Fersenbein sei ungewöhnlich und hat mit Achilles auch Rücksicht in der Namensgebung gefunden: Es erinnert an Anthropoide, die frühe Herausbildung ist laut der Forscher eine Überraschung. Auch die kleinen Augen zeugen von der nahen Verwandtschaft mit Affen. Anders als heutige Koboldmakis, die noch in der südostasiatischen Inselwelt zu finden sind, scheint Archicebus tagaktiv gewesen zu sein.

Vor einigen Jahren sorgte Darwinius, eine 47 Millionen alte Primatenart für Aufsehen und Debatten. Als Vertreter der Feuchtnasenprimaten ist er aber viel weiter weg von der evolutionären Linie, die zum Menschen führte.

Der Fund sei ein großer Schritt, die frühesten Phasen der Evolotion von Primaten und des Menschen nachzuvollziehen, sagt Studienleiter Xijun Ni, Paläontologe der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Der Fund festigt auch die Vermutung, dass sich die frühe Entwicklung von Primaten in Asien abgespielt hat.

Erst Millionen Jahre nach Archicebus könnten sie in Afrika angekommen sein. Der Kontinent war damals noch nicht mit Asien verbunden, sie müssten einen Weg gefunden haben, das Meer zu überwinden. Der evolutionäre Weg des Menschen zweigte übrigens erst vor fünf bis zehn Millionen Jahren, im Oberen Miozän, von jenem der Affen ab. (Alois Pumhösel/DER STANDARD, 6. 6. 2013)

  • So könnte Archicebus achilles ausgesehen haben: Vor 55 Millionen Jahren jagte er in den ausgedehnten Regenwäldern der Erde nach Insekten.
    foto: xijun ni, chinese academy of sciences

    So könnte Archicebus achilles ausgesehen haben: Vor 55 Millionen Jahren jagte er in den ausgedehnten Regenwäldern der Erde nach Insekten.

  • Rekonstruiertes Skelett von Archicebus.
    foto: paul tafforeau, xijun ni

    Rekonstruiertes Skelett von Archicebus.

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