Der "Happy-Migrant"-Effekt

5. Juni 2013, 05:30
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Patienten mit mangelnden Deutschkenntnissen stellen das Gesundheitssystem vor eine Herausforderung. Wie man hilft ohne bevorzumunden

Es sind nicht nur Migranten, die im medizinischen Bereich mit Kommunikationsproblemen zu kämpfen haben. Die Soziologin Sonja Novak-Zezula vom Zentrum für Gesundheit und Migration betont, gegenseitiges Verständnis zwischen Arzt und Patient sei unabdingbar für eine qualitätsvolle Diagnostik, präzisiert jedoch: "Nicht nur Migranten verstehen nicht, was in Aufklärungsgesprächen gesagt wird. Viele Krankenpfleger und Krankenschwestern erzählen, dass sobald der Arzt den Raum verlässt, der Patient noch einmal nachfragt und sich alles vom Pfleger oder von der Schwester noch einmal erklären lässt, obwohl er zuvor dem Arzt gegenüber beteuert hat, alles verstanden zu haben."

Medizinisches Fachlatein

An der Gruppe der Migranten lässt sich das Kommunikationsproblem im Gesundheitswesen allerdings besonders gut festmachen. Ursula Karl-Trummer, ebenfalls Soziologin, holt ein wenig weiter aus: "Mediziner und Laien sprechen von vornherein eine andere Sprache. Die Mediziner kommen aus einer langen Tradition heraus, die noch nicht ganz durchbrochen ist." Die Rede ist von einer althergebrachten Sichtweise der Arzt-Patient-Beziehung, in welcher der Arzt ganz selbstverständlich derjenige ist, der Macht hat, und in welcher der Patient sich richtig verhalten muss, um das zu bekommen, was er braucht, ohne jedoch zu wissen, was das ist.

Code of Conduct

In Ländern, die über eine längere Migrationserfahrung verfügen, ist dieses traditionelle Bild inzwischen stärker hinterfragt und reflektiert worden. In Australien und Neuseeland wird in einem medizinischen Code of Conduct explizit festgehalten, dass die Arzt-Patient-Beziehung asymmetrisch ist und der Arzt darin über eine Macht verfügt, die er auf keiner Ebene missbrauchen darf. Es obliegt dem Arzt, dafür zu sorgen, dass ein Dolmetscher hinzugezogen wird, wenn es notwendig ist.

"Cultural safety"

Außerdem ist in Neuseeland das Konzept der "cultural safety" entstanden, das davon ausgeht, dass nicht nur der Patient, sondern auch der Arzt seinen kulturellen Hintergrund mitbringt, und dass auch er angehalten ist, zu reflektieren inwiefern seine "kulturelle Brille" die Beziehung einfärbt. Von einer solchen Sichtweise sei man hierzulande noch weit entfernt, meint Novak-Zezula: "In Österreich herrscht eine gewisse Distanziertheit vor, es gibt einen vorsichtigen Umgang mit dem Fremden. Dann heißt es eben, lern Deutsch, pass dich mir an."

Professionell organisierte Dolmetschdienste verursachen jedoch nicht unerhebliche Kosten, was als Hauptargument gegen die Einführung von Dolmetschpools und Bereitschaftsdiensten ins Treffen geführt wird. Trummer gibt jedoch zu bedenken: "Möglicherweise spart man da bei einer vulnerablen Gruppe, und außerdem zählen Kommunikationsprobleme zu den größten Risiken für Behandlungsfehler, was letale Folgen haben kann." Aus ihren einschlägigen Forschungen weiß Trummer, dass der Bedarf nach Dolmetschern dort formuliert wird, wo man ihn spürt, nämlich vor Ort, im Umgang mit den Patienten: "Auf der Ebene der Ministerien oder des Managements spürt man den Druck nicht und glaubt, Kommunikationsprobleme hätten keine Relevanz. Das Pflegepersonal hat wiederum kein Pouvoir, um Dolmetschdienste durchzusetzen."

"Happy-Migrant"-Effekt

Es sei für Krankenhäuser manchmal gar nicht so leicht, den Bedarf zu erheben, erklären die beiden Soziologinnen, denn Migranten tendieren dazu, sich nicht genügend zu beschweren. Novak-Zezula erklärt: "Wir nennen das den Happy-Migrant-Effekt. Migranten wissen oft nicht, wo sie sich beschweren können, oder sie wissen nicht, worauf sie überhaupt Anspruch hätten."

"Migrant-friendly hospital"

Ein weiteres Stichwort in der Forschung heißt "migrant-friendly hospital". Gemeint ist ein Konzept, das auf Empowerment des Patienten abzielt, in dem Migranten sich also mit Hilfe von Dolmetschern möglichst gut bewegen können. Die Bezeichnung lehnt sich an die WHO-Definition eines "baby-friendly hospitals". Eine zugegebenermaßen problematische Analogie, erklärt Trummer: "Viele Kollegen fanden, der Name klinge herablassend". Dieses europäische Projekt wolle jedoch bewirken, dass Migranten im Gesundheitssystem nicht länger als Störfaktoren betrachtet werden. Laut Trummer sei die Realität nämlich eine andere: "Ohne Migranten würden sich unser Gesundheitssystem gar nicht aufrechterhalten lassen. Wir sind darauf angewiesen, Arbeitskräfte zu gewinnen." Das System habe sich trotzdem eine Blindheit bewahrt. "Die Ressourcen bleiben unbeachtet, und mitunter wird Potenzial vernichtet." (Mascha Dabić, 06.06.2013, daStandard.at)

  • Migranten tendieren dazu, sich nicht genügend zu beschweren. Man nennen das den Happy-Migrant-Effekt.
    foto: digene

    Migranten tendieren dazu, sich nicht genügend zu beschweren. Man nennen das den Happy-Migrant-Effekt.

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