Truppenübung: Die Eroberung Steinbachs

Video18. Juni 2013, 05:30
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Während Österreich den Rückzug vom Golan verkündete, ging im Waldviertel die größte Truppenübung des Jahres über die Bühne

Truppenübung: Die Befreiung Steinbachs von terroristischen "Teilen"

Schüsse, Explosionen und Feuerbälle erschüttern die Erde. Panzer rollen durch die Gassen, schwer bewaffnete Soldaten schleichen um die kleine weiße Kapelle der Ortschaft Steinbach im Waldviertel. Wo früher Kinder spielten, herrscht heute Krieg.

"Wenn Sie jetzt nach rechts schauen, sehen Sie einen alten Puch G auf der Straße stehen. Er befindet sich in der Hand des Feindes. Der Kommandant wird jetzt Luftunterstützung durch Hubschrauber anfordern, um den Gegner beseitigen", krächzt es aus den Lautsprechern. Von einer Anhöhe aus verfolgen rund 40 Schaulustige das Geschehen, darunter Verteidigungsminister Gerald Klug, einige Abgeordnete des Nationalrats und ein paar Journalisten. Sie alle wurden extra mit dem Hubschrauber aus Wien eingeflogen. Über die Lautsprecher erklärt ihnen ein Offizier des Bundesheers, was sie gerade zu sehen bekommen.


Schluss mit lustig: Das Bundesheer bläst zum Angriff auf Steinbach.

Größte Übung des Jahres

Das "urbane Trainingsgelände Steinbach" ist ein Attrappendorf am Truppenübungsplatz Allentsteig. Die Häuser stehen leer, in der Kapelle hat schon lange kein Pfarrer mehr die Kommunion verteilt. Genauer gesagt: seit 1939, als die Bewohner des Ortes umsiedeln mussten für ein neues Übungsgelände der deutschen Wehrmacht.

Ende Mai ging hier mit European Advance (EURAD) die größte Truppenübung des Jahres auf österreichischem Boden über die Bühne. 4.400 Soldaten aus vier Ländern nahmen an der zwei Wochen dauernden Veranstaltung teil, die als Training für die europäischen Kampfverbände EU Battlegroups diente. Verteidigungsminister Klug nutzte die Gelegenheit für einen jener motivierten Truppenbesuche, für die er mittlerweile bekannt ist: kein Hubschrauber, Geländewagen oder Panzer, in dem er nicht bereits gesessen wäre, um sich das Gerät erklären zu lassen.

Abflug ins Waldviertel für Politiker und Journalisten: Van-Swieten-Kaserne, Wien-Floridsdorf.

Im Ernstfall nach Hause

Die Truppenübung ist noch im Gange, als Klug gemeinsam mit Kanzler und Vizekanzler vorvergangene Woche den Abzug der österreichischen Blauhelme vom Golan verkündet. Zu gefährlich sei die Mission mittlerweile geworden, heißt es da. Zum Missfallen so mancher Soldaten: Denn gefährliche Missionen sind das, wofür das Bundesheer tagtäglich trainiert. Sie sind der Grund dafür, dass die Wiesen und Wälder um Allentsteig in ein Kriegsgebiet verwandelt wurden.

Übungsszenario: Redland hält einen Teil von Greenland, repräsentiert durch den Truppenübungsplatz Allentsteig (Mitte), besetzt.

Europas Armee

Die seit 2005 existierenden EU-Battlegroups zu je 1.500 bis 2.500 Mann sind ständig einsatzbereit. Sollte eine Krise ausbrechen, könnte die EU mithilfe dieser Einheiten schnell reagieren. Die verschiedenen EU-Länder besetzen die Truppe nach dem Rotationsprinzip jedes halbe Jahr neu. Österreich stellte 2011 und 2012 jeweils einen Teil einer Battlegroup.

Offiziell dienen die Battlegroups der Krisenintervention in einem Radius von 6.000 Kilometer um Brüssel herum. Zum Einsatz kamen sie noch nie. Bei der EURAD-Übung in Allentsteig greifen die EU-Battlegroups in einen fiktiven Krieg zwischen zwei Ländern ein. Das Szenario ist relativ simpel: Das Land Redland attackiert seinen Nachbarn Greenland. Die Roten erobern einen Teil des grünen Staatsgebiets. Greenland ruft die UNO um Hilfe an, die beschließt eine Resolution. Die EU schickt daraufhin eine Battlegroup in die Region. Die muss nun für Ordnung sorgen und die Resolution durchsetzen.

Realistische Kampferfahrung: Ohne Pyrotechnik geht auch beim Bundesheer nichts.

Neutralität Marke Österreich

Weniger klar ist die Rolle, die Österreich dabei spielen wird. Bisher hat Österreich lediglich Peacekeeping-Missionen mit dem Segen der UNO übernommen. In diesem Szenario aber würde Österreich auch an Kampfeinsätzen teilnehmen. Einsätze der Battlegroups seien mit der Neutralität österreichischer Prägung nur vereinbar, wenn es ein UN-Mandat dazu gibt, sagt Peter Hilpold, Völkerrechtler an der Universität Innsbruck. Denn sobald sie vom UN-Sicherheitsrat autorisiert wurden, stellen die Einsätze aus völkerrechtlicher Sicht keine Kriegshandlungen dar.

Doch die immerwährende Neutralität brennt heute ohnehin nur mehr auf Sparflamme. Alleine schon die Mitgliedschaft bei den Vereinten Nationen bringt sie in Bedrängnis: "Es besteht heute ein breiter Konsens, dass das UN-Recht alle anderen völkerrechtlichen Verpflichtungen überlagert, also auch die österreichische Neutralität", sagt Hilpold. Im Prinzip darf sie also bereits seit dem UN-Beitritt Österreichs 1955 in weiten Teilen als obsolet gelten. "Aber in Österreich wird ein Neutralitätsverständnis zelebriert, das keine Grundlage im Völkerrecht findet. Es gibt starke innenpolitische Interessen, dieses Kunstprodukt aufrechtzuerhalten."

Außerhalb von Steinbach steht eine Panzergruppe bereit.

Steinbach ist frei

Über dem Ort kreist wie ein Modellflugzeug eine Aufklärungsdrohne der deutschen Bundeswehr. Zwei Kampfhubschrauber kommen im Tiefflug angerauscht, neben dem feindlichen Puch-Geländewagen steigt ein Feuerball in den Himmel. Schall und Rauch, Pyrotechnik wie im Theater, sagt ein Offizier. Hätten die Hubschrauber tatsächlich Raketen abgefeuert und nicht nur so getan, läge das Auto jetzt einzelteilig in Steinbach verstreut.

So wurde der letzte Redländer schließlich eliminiert und Steinbach befreit. Die EU hat gesiegt. Tote oder Verletzte gibt es keine zu beklagen, das käme auch schlecht vor versammelter Presse. Verteidigungsminister Klug schüttelt bereits die Hände seiner Offiziere. Zwei Minuten später wird er wieder einen Panzer besichtigen, diesmal einen deutschen. Auch Franzosen und Italiener waren bei EURAD mit von der Partie. Durch die Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU rücken NATO-Mitglieder und bündnisfreie Staaten wie Österreich militärisch zusammen. Am Ende könnte eine Art europäische Armee stehen, mit den EU-Battlegroups als ihren Vorboten. (Moritz Gottsauner-Wolf/Maria von Usslar, derStandard.at, 18.6.2013)

 

Der Hubschrauberflug nach Allentsteig zur EURAD-Truppenübung erfolgte auf Einladung des Verteidigungsministeriums.

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