Ex-Mitarbeiter packt aus: Zynga ist ein "sinkendes Schiff"

5. Juni 2013, 14:36
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"Fürchterliche Geschäftsstrategie" verhindere kreative Spielentwicklung

Der Social-Games-Spezialist Zynga ist in ernsten Schwierigkeiten, erst Anfang der Woche wurde die Entlassung von über 500 Mitarbeitern bekanntgegeben. Nun hat sich ein ehemaliger Mitarbeiter über Reddit öffentlich zum Konzern geäußert und interessierten Usern Fragen beantwortet. Namentlich will er nicht genannt werden, da er sich nun auf Jobsuche befindet und sich keine Türen verschließen möchte. Als Beweis hat er ein Bild seines Kündigungsschreibens veröffentlicht.

Fürchterliche Geschäftsstrategie

Grund für die massenweisen Kündigungen bei Zynga ist - oberflächlich betrachtet -, dass nach Spielen wie "Farmville" viele Hits ausgeblieben sind. Das tiefgründigere Problem sei dem Ex-Mitarbeiter zufolge jedoch, dass die Geschäftsstrategie des Konzerns "fürchterlich" sei. Die großen Erfolge erzielte man zur Hochzeit der Facebook-Games, der Sprung auf den boomenden Mobile-Markt habe man aber nicht so sicher hinbekommen. Man versuche krampfhaft, Erfolgsszenarien von einem Ökosystem auf ein anderes zu verschieben.

Auf der anderen Seite sei die Spielentwicklung extrem von Trends getrieben. Anstatt hauseigene Innovationen voranzutreiben, werden Spielkonzepte und Gameplay-Elemente von anderen Herstellern übernommen, was Zeit koste und zu unstimmig zusammengesetzten Games führe. Noch dazu bestehe ein enormer Druck, jedes einzelne Spiel zum gewinnbringenden Blockbuster zuzuschneiden, wodurch Marketingaspekte in den Vordergrund treten und störend für das Spielerlebnis werden. "Ihre Geschäftsstrategie ist fürchterlich", so der ehemalige Zynga-Mitarbeiter. "Das hierarchische Management hindert die Kreativität und die Entwicklung vieler Spiele. Es mangelt massiv an Voraussicht. Zu viele Entscheidungen sind schnelle Reaktionen auf Veränderungen am Markt."

Sehr analytisch

Ein Problem sei auch, dass Zynga ein extrem ausgefeiltes System auf die Beine gestellt hat, um das Verhalten der Spieler zu erfassen. Dies sei zwar an sich großartig für die Entwickler, jedoch halte man sich mittlerweile zu sehr daran. "Das hat die Entwicklung sehr analytisch werden lassen und weniger intuitiv. Es ist einfach zu sagen, wenn ein Spiel Spaß macht. Aber es ist schwer, dies in Zahlen zu fassen."

Aus Sicht eines ehemaligen Mitarbeiters verliert der Informant gleichzeitig viele positive Worte über seinen ehemaligen Arbeitgeber, der für gewöhnlich sehr bemüht sei, seine Angestellten zu halten. Dazu gehören zahlreiche Boni, Gratisessen und ein sehr sozial ausgeprägtes Umfeld.

Sinkendes Schiff

In Summe sehe er aber keine rosige Zukunft für Zynga voraus. Wenn man so weitermache, sei man in "zwei bis drei Jahren" am Ende. Das aktuelle Steckenpferd, Online-Glücksspiel, sei kein erfolgsversprechender Weg, wenngleich die Konzernspitze ihren Anlegern etwas anderes weismachen möchte. Während Zynga versucht, Online-Glücksspiele in den USA genehmigen zu lassen, hätten sich auf anderen Märkten längst stärkere und erfahrenere Player etabliert. "In der Theorie könnten sie tonnenweise Geld mit Glücksspiel verdienen. In der Praxis gibt es aber dutzende andere Unternehmen, die das schon länger und besser machen."

"Die Leute, die noch immer dort sind, tun was sie können, aber es ist so, als versuche man ein sinkendes Schiff zu segeln." (zw, derStandard.at, 5.6.2013)

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    Zynga kommt nicht aus der Krise

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