Pakistans neuer Premier legt sich mit den USA an

5. Juni 2013, 20:58
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Sharif fordert Ende der umstrittenen US-Drohnenangriffe und verspricht, Pakistans Wirtschaft anzukurbeln

Islamabad/Neu-Delhi – Kaum im Amt, legt sich Pakistans neuer Regierungschef mit Washington an. "Diese Drohnenschläge, die jeden Tag hereinregnen, müssen enden", sagte er in seiner Antrittsrede unter Applaus. "Wir respektieren die Souveränität anderer Länder, und sie sollten unsere Unabhängigkeit respektieren."

Knapp 14 Jahre nach seinem Sturz durch das Militär ist dem "Löwen des Punjab", wie sich Sharif selbst tituliert, ein Comeback gelungen. Als erster Politiker in der Geschichte Pakistans wurde der 63-Jährige Mittwoch zum dritten Mal zum Premier gewählt. 244 von 342 Abgeordneten stimmten für ihn. Noch am Abend wurde er vereidigt.

"Gott ist groß", riefen Anhänger auf den Straßen. Über Lahore warf ein Flugzeug Rosenblüten ab. Es ist Sharifs dritte Chance, als Premier zu überzeugen. Bereits in den 1990ern hatte er zwei Mal die Atommacht dirigiert. Beide Male enttäuschte seine Regierung, beide Male endete sie vorzeitig. 1999 wurde er vom damaligen Militärchef Pervez Musharraf aus dem Amt geputscht.

Mithilfe der Gerichte drängte Musharraf seinen Exboss anschließend ins Exil nach Saudi-Arabien. 2007 kehrte Sharif zurück, mit sichtlich vollerem Haupthaar, wie Spötter gerne anmerken. Die Wahlen 2008 verlor seine Muslim-Liga (PML-N) trotzdem, nach der Ermordung von Benazir Bhutto, gegen deren Volkspartei (PPP).

Im Mai 2013 holte er einen Erdrutschsieg. Der Spross einer Industriellenfamilie muss nun beweisen, dass er das 165-Millionen- Einwohner-Land aus einer seiner schwersten Krise führen kann. "Ich werde das Vertrauen nicht enttäuschen", versprach er.

Zahlreiche drängende Fragen

Die Menschen hoffen, dass Sharif die beiden größten Probleme schnell anpackt: die dramatische Stromkrise und den Terror. Die Wirtschaft schrammt am Kollaps entlang, lange Stromausfälle sind Alltag. Bei mörderischen Temperaturen von bis zu 50 Grad gehen nicht einmal Ventilatoren, auch Wasserpumpen und Fabriken stehen still.

Dazu halten Extremisten das Land mit Anschlägen im Würgegriff. Sharif steht den Religiösen näher als die Vorgängerregierung, doch er gilt auch als Pragmatiker. Er hat angedeutet, dass er Gespräche mit den Taliban suchen will. Drohnenschläge könnten diese Versuche behindern. Wie Sharif sie unterbinden will, ist aber unklar.

Außenpolitisch übernimmt er das Ruder in einer kritischen Zeit, da sich die Nato im nächsten Jahr aus Afghanistan zurückziehen will. Gespannt wird beobachtet, wie er sich zu den USA positioniert. Bisher hält sich Sharif eher bedeckt, signalisiert hat er bereits, dass er auf Erzfeind Indien zugehen will.

Sharif hat noch ein weiteres Problem geerbt. Seit Wochen steht sein alter Widersacher Musharraf wegen zahlreicher Anklagen nahe Islamabad unter Hausarrest. Sharif hat ihm nicht vergessen, dass er ihn ins Gefängnis werfen ließ. Allerdings gibt es Gerüchte, dass die Gerichte Musharraf erlauben könnten, nach Dubai auszureisen, um seine kränkelnde Mutter zu besuchen. (Christine Möllhof/DER STANDARD, 6.6.2013)

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    Nawaz Sharif inspiziert nach seiner Angelobung die Ehrengarde

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