Wien im Juni: Wasserdicht ist nur ein Wort

Blog5. Juni 2013, 12:12
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Bei schönem Wetter kann wirklich jeder laufen. Aber auch Regen, Wind und garstige Temperaturen sind kein Grund, daheim zu bleiben. Ganz im Gegenteil

Es gibt da ein paar grundlegende Freiluftirrtümer. Etwa jenen, wonach unverspurter, hüfthoher Champagner-Powder und knallblauer Himmel zusammen gehören. Oder dass Inlineskaten eine Hochsommersportart ist. Oder dass der Herbst die beste Zeit zum Drachensteigen ist. Und Eis isst man nur in Monaten ohne "R."

All das ist - mit Verlaub - Bledsinn. Mit "e". Genauso wie die Annahme, dass das momentane Sommerwetter ein Grund sei, nicht zu laufen. Es gilt halt die abgeschmackte Motorradfahrer-Weisheit von der falschen Ausrüstung beim richtigen Wetter - ergänzt um einen Halbsatz über richtige oder falsche Motivation. (Und das Eingeständnis, vielleicht doch ein Junkie zu sein. Ein bisserl halt).

Aber wenn diese Faktoren passen, kann Laufen auch - vielleicht ja sogar besonders - bei Wäh-Wetter Spaß machen. Der Versuch lohnt sich allemal - wenn man auf ein paar Kleinigkeiten achtet.

Schweinehund Regen

Der Feind heißt nur auf den ersten Blick Regen: Gegen den kann man sich hervorragend schützen. In Schichten - weils drunter ja doch recht rasch recht warm wird - und mit Funktions- oder Membran-Zeugs. Tückischer ist der Wind. Und das Auskühlen, wenn das Leiberl feucht ist.

Fangen wir von unten an: Klar, Gore-folierte Winterlaufschuhe sehen im Sommer komisch aus. Sie sind schwerer als die leichten Tempoböcke - und meist auch steifer. Bloß: Die Alternative ist keine. Außer für den Kürzest-Workout vor der Haustür. Erstens, weil nasse Socken Füße sogar in Schuhen, die sonst absolut blasensicher sind, zum Wundscheuern animieren. Zweitens, weil nasskalte Füße nicht nur rasch kalte Füße werden. Sondern auch bleiben.

Drittens, weil Temposchuhe meist kaum Profil haben - und das kleine Waldwegerl oder der Abkürzer über die sonst so liebliche Wiese kann plötzlich zur Rutschpartie werden. Ja, sogar, wenn alles flach ist. A propos Wiese: Wie rasch Wasser - vom Grashalm abgestreift - durch einen membranlosen Durschnittsschuh kommt, sollte man einmal ausprobiert haben - aber nicht, wenn der Heimweg dann noch 15 Kilometer lang ist.

Warme Waden

Der Rest des Outfits ist Geschmackssache - und leider meist nur per Trial & Error zu ergründen: Wer trockene Füße hat, hat meist warme Waden -  und zwar auch dann, wenn die nackt sind. Am Oberschenkel werden Regen und Wind (und abtropfendes Wasser vom Oberkörper) dann aber meist als unangenehm empfunden - doch blöderweise bietet der Handel nur selten überknie- oder knielange Hosen mit Windstopper-, Gore- oder sonstigen Membranen an: Die Suche zahlt sich aber aus.

Oben gilt dann aber: Die Außenschicht ist in jedem Fall wind- und wasserfest. Beim Laufen genügt meist wasserabweisend - aber je leichter die Haut, desto weniger Schutz bietet sie. Eine Abwägungssache: Trial & Error eben.  Kapuzen sind gut, werden aber von vielen Läuferinnen und Läufern beim Laufen selbst als störend empfunden. Gut, wenn man sie einrollen kann - sonst kommt die kalte Dusche beim ersten Zwischenstopp. Kappe, Mütze oder Buff sind Pflicht. A propos Pflicht: Gefrierbeutel oder Hundegackisacki (natürlich unbenutzt) sind die besten Freunde von Handy, Smartphone oder elektronischen Autoschlüsseln - wer sich auf Schutzhüllen und "waterresistant"-Herstellerhinweise verlässt, zockt. Und verliert irgendwann mit Sicherheit.

Wasserleitungstest

Denn "wasserdicht" ist nur ein Wort. Was so auf Etiketten beschrieben steht, sollte auch unter der Wasserleitung überprüft werden. (Nähte! Klebestellen! Zippverschlüsse!): Wenn eine Jacke leckt, merkt man das in der Regel am weitesten von Auto oder U-Bahn entfernten Punkt der Route.

Und für darunter gilt: Dünn. Schichten. Mehrere. Mindestens zwei. Spätestens dann, wenn aus Rücken- plötzlich Gegenwind wird, rettet das Shirt, das man drei Minuten nach dem Start am liebsten entsorgt hätte und unter der Regenhaut um die Hüfte wickelt, jetzt vor jener satten Verkühlung, die die kalt auf die Brust gedrückte Jacke in Kombination mit dem feuchten Leiberl drunter gerne produziert.

Das wahre Problem beim Laufen bei "bescheidenem" Wetter ist nämlich nicht das Wasser sondern der Wind. Das gilt auch für die Routenwahl. Das vermeintlich schützende Laubdach der Bäume wird bei böigem Wind zum Schwallduschparcours: Aus einem Kübel Wasser findet immer ein Liter seinen Weg zum Körper.

Motivationskiller

Darüber hinaus killt der Wind die Motivation: Wer mit Rückenwind beginnt, hat den längeren Heimweg. Andererseits: Wer gegen den Wind startet, dreht früher um. Und dass Rückenwind nie so hilft, wie Gegenwind quält, ist ein Naturgesetz. Eines jener unbeweisbaren, die trotzdem wahr sind.

Ach ja: Wer steht, kühlt aus. Und mit dem Körper auch die unterste Kleidungsschicht. Bei Thermo-Funktionszeug kein Problem - aber bei Plusgraden trägt man meist simple Lauf-Funktionsshirts. Und die werden, einmal nasskalt,  nie wieder warm: Hallo Verkühlung!

Trotzdem super

Trotzdem: Es zahlt sich aus. Nicht nur, weil bei Schönwetter jeder laufen kann. Auch, weil man mehr, anders und Anderes sieht - just dort, wo man glaubt, ohnehin jeden Schritt und jeden Blick genau zu kennen: Tiere. Pflanzen. Wasserspiele. Gerüche, die Luft und Farben.Und auch die Menschen - alles ist ein bisserl anders. Wer glaubt, dass Wiens Parks und Wälder bei Regen menschenleer sind, hat selbst das Haus bei Schlechtwetter noch nie verlassen.

Er oder sie soll & darf gern daheim bleiben: Das verschwörerische Nicken, mit dem Regenläufer, Nieselspazierer und Nebelwanderer einander dort, wo sich bei trockenem Wetter Schönwetteroutdoorcracks auf die Zehen steigen, begrüßen, kennen sie nicht - und haben es auch nicht verdient.

Genaus wenig wie das Gefühl, aus waschelnassem, verdrecktem Laufzeug in die heiße Dusche zu steigen - und danach wirklich zu wissen, wie fein es ist, daheim auf der Couch, zu versacken. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 5.6.2013)

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