Kampf dem Gelsenangriff

10. Juni 2013, 07:33
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Das Hochwasser lässt demnächst eine Gelsenplage erwarten - Mit Chemie oder Bio-Fallen schlägt man die lästigen Stechmücken in die Flucht

"Wir rechnen damit, dass es heuer eine Gelsenplage geben wird, denn das Hochwasser bietet den Insekten ideale Entwicklungsbedingungen", sagt Hannes F. Paulus, emeritierter Leiter des Departments für Integrative Zoologie am Fakultätszentrum für Organismische Systembiologie in Wien. Im Moment ist es den lästigen Blutsaugern noch zu kalt, aber spätestens wenn der Sommer endlich Einzug hält, sollten sich tendenzielle Opfer für bevorstehende Angriffe wappnen.

Bei der Gelsenabwehr und Mückenstichprävention scheiden sich jedoch die Geister. Anhänger der chemischen Keule nutzen Präparate, die sich auf Kleidung, Haut oder Fenstergitter sprühen lassen. Bio-Fans locken Gelsen mit menschlichen Ausdünstungen in die Falle.

Kleidung und Repellents

Prävention bedeutet, die Gelsen erst gar nicht zum Stich kommen zu lassen. Bei diesem Vorhaben hilft ganz unspektakulär bereits das entsprechende Outfit. Weite, helle und feste Kleidung hält die Stechmücken besser vom Leib als dunkle Stoffe und eng anliegende Gewebe, welche die Weibchen mit ihrem Stechrüssel problemlos durchdringen.

Gewand und exponierte Hautstellen lassen sich prophylaktisch mit sogenannten "Repellents" schützen. Synthetische Wirkstoffe wie Bayrepel und Diethyltoluamid (DEET) vertreiben sowohl einheimische als auch tropische Mücken zuverlässig. Der Unterschied zwischen einzelnen Präparaten liegt zumeist in der Zeitspanne, über die diese Schutz vor den Insekten bieten.

Bewegung und Schwitzen machen ein wiederholtes Auftragen der Repellents auf die Haut in jedem Fall erforderlich. Imprägnierte Kleidung schützt über mehrere Waschgänge hinweg.

Wirkunslose Öle

Einige Hersteller von Repellents setzen auf ätherische Öle und werben mit "rein pflanzlicher" oder "natürlicher" Mixtur. Leider wirken ätherische Öle wie Citronella und Geraniol, wenn überhaupt, nur in so hoher Konzentration, dass der Geruch zu intensiv und aufdringlich ist und die Haut eventuell mit Irritationen reagiert.

Auch Gartenfackeln, Teelichter und Öllampen mit Citronella schlagen Gelsen nicht in die Flucht. "Produkte, die als Wirkstoff ätherische Öle verbreiten, zeigten sich in unserem Test allesamt wirkungslos", berichtet die deutsche Stiftung Warentest nach Auswertungen aus den Jahren 2004 und 2010.

Dieser Ansicht ist auch der Regensburger Biologe Andreas Rose, der sich ausgiebig mit Stechmücken beschäftigt hat: "Mücken werden durch Duftreize, die der menschliche Körper aussendet, aktiv und angelockt. Außerdem orientieren sie sich am Kohlendioxid-Anstieg durch ausgeatmete Luft."

Roses Forschungen haben ergeben, dass die Gemeine Stechmücke ein komplexes Wesen ist, das sich nicht so einfach durch verdampfende Öle, Ultraschall oder UV-Licht ins Bockshorn jagen lässt. Die Wirkungslosigkeit sonografischer Geräte und von UV-Licht-Fallen wurde auch in Verbrauchertests bestätigt. Auch die weit verbreitete Empfehlung, Licht in Schlafräumen auszuschalten, um Gelsen nicht anzulocken, ist wissenschaftlich nicht bestätigt. "Mücken brauchen Kohlendioxid und die Duftspur von Menschen. Mit ihren Fühlern erkennen sie die Größe und Struktur einer Duftfahne", sagt Rose.

Mit seinem Team hat der deutsche Experte eine Mückenfalle entwickelt, die auf dieser sensorischen Fähigkeit der Insekten beruht und ganz ohne Insektizide auskommt. Im Freien postiert, befreit sie effizient den umgebenden Luftraum von Gelsen.

Falle für den Hausgebrauch

Ursprünglich schnappten Roses Fallen nur bei Forschungsprojekten zu und sammelten Malaria- oder Gelbfieberüberträger in Lateinamerika und Asien. "Es war eigentlich ein Überwachungsgerät, in dem gefangene Mücken den Forschern Rückschlüsse auf Übertragungsraten ermöglichten", sagt Rose. Die Mückenfallen funktionieren jedoch so gut, dass Rose gemeinsam mit seinem Kollegen Martin Geier die Firma Biogents gründete und das Prinzip auch für den europäischen Hausgebrauch adaptierte.

Wer sich für das innovative Verfahren entscheidet, hat auf der Terrasse anstelle einer Gelsenfackel eine Versuchsanordnung mit Gasflasche und Stoffzylinder stehen. Dieser weiße Zylinder besitzt eine Höhe von etwa 30 und einen Durchmesser von 40 Zentimetern. In der Mitte befindet sich ein Loch, durch das ein Propeller Luft ansaugt. Ein Duftspender mischt menschlichen Körpergeruch - eine Kombination aus Milchsäure, Fettsäure und Ammoniak - dazu und reichert das Ganze noch mit Kohlendioxid an. Die menschliche Körperwärme wird imitiert und der Luftstrom über den dünnen Stoff wieder nach außen abgegeben.

Fertig ist die Gelsenfalle, die den lästigen Insekten mit Hilfe menschlicher Ausdünstungen zum Verhängnis wird. Angelockt vom Geruch und der Körperwärme werden die Stechmücken vom Luftstrom in die Falle gesaugt.

Effektiv und schonend

Das Gerät ist nicht ganz billig (250 Euro), dafür "garantiert effektiv und umwelt- sowie gesundheitsschonend", sagt Andreas Rose und verspricht: "Ist die Falle im Dauerbetrieb, sinkt auch die Mückenpopulation im Laufe der Zeit dauerhaft."

Weniger ausgetüftelt, wohl aber undurchdringlich wirkt der Einsatz von Fliegengittern und -vorhängen vor Fenstern und Türen sowie von Moskitonetzen über Betten. Jeder Baumarkt verfügt in seinem Sortiment über eine breite Palette der engmaschigen Gaze, die Gelsen und anderen Insekten den Freiflug ins Haus verwehrt.

Zitronenmelisse, Tomaten- und Basilikumpflanzen auf dem Fensterbrett hindern die Gelsen dagegen nicht daran, hineinzufliegen. Und sind sie schon einmal im Haus, bieten nur noch Gelsenstecker einen wirksamen Schutz. Dieser Elektroverdampfer schlägt die lästigen Insekten mit Hilfe eines Nervengifts in die Flucht. (Gabriela Poller-Hartig, derStandard.at, 10.6.2013)

Weiterlesen:

Genauer Betrachtet: Gelsenstecker: Nervengift aus der Steckdose

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Hochwasserkatastrophe lässt Experten mit einer Gelseninvasion rechnen.

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