Nach dem Hochwasser kommt der Schock

Interview5. Juni 2013, 10:51
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Mit dem Rückgang der Pegel wird das Ausmaß des Schadens sicht- und greifbar - Rotkreuz-Chefpsychologin Barbara Juen über Krisenintervention nach einer Katastrophe

Nicht nur der existenzielle Verlust ist für die Hochwasseropfer belastend, die meisten Verlustgefühle erzeugen die persönlichen Erinnerungen, sagt Rotkreuz-Chefpsychologin Barbara Juen. Das Österreichische Rote Kreuz bietet Unterstützung für die Betroffenen an.

derStandard.at: Wie kann man Menschen helfen, die gerade ihr Hab und Gut verloren haben, und sie trösten?

Juen: Indem man sie nicht tröstet - tröstende Worte haben wir als Außenstehende nicht zur Verfügung. Trost können Angehörige und Freunde bieten. Aber wir können Informationen geben, zum Beispiel darüber, wie es weitergeht. Bei den positiven Bewältigungsmöglichkeiten gilt es bestimmte Faktoren zu erfüllen.

Der erste ist Sicherheit. Man versucht, äußere und innere Sicherheit zu erzeugen, einen Ort zum Wohl- und Sicherfühlen zu schaffen. Das ist auch im Fall von Evakuierungen ganz wichtig. Innere Sicherheit geben Personen, die sicher und verlässlich für die Opfer da sind und für sie und ihre Anliegen einsetzen. Dafür stehen zum Beispiel Mitarbeiter der Rotkreuz-Krisenintervention.

Der zweite Faktor ist Verbundenheit, die Stärkung von sozialen Netzwerken, Freunde und Familie zu aktivieren.

Drittens versuchen wir in dieser stressreichen Zeit für Ruhe zu sorgen. Nach der Zerstörung eines Hauses sind viele Entscheidungen zu treffen und Fragen zu klären, Behördengänge zu erledigen, aber die betroffenen Menschen brauchen zwischendurch Ruhepausen. Erwachsene glauben, sie müssen alles gleichzeitig tun. Für Kinder braucht es zum Beispiel Spielräume, in denen sie sich entspannen können. Wir geben auch Unterstützung darin, wie man mit Stressreaktionen umgeht, wenn man zum Beispiel nicht schlafen kann.

derStandard.at: Was können Katastrophen-Opfer selbst tun?

Juen: Zu einer positiven Bewältigung gehört es auch, die Menschen aus der passiven Opferrolle zu holen. In der Fachsprache nennen wir das "Selbst- und kollektive Wirksamkeit". Wir geben Unterstützung, die eine aktive Rolle ermöglicht. Man kann zum Beispiel Gruppen und Gemeinden stärken, damit sie die Mittel, die sie als Kollektiv zur Verfügung haben, als Gruppe nutzen. Nach dem Paznaun-Hochwasser zum Beispiel wurden die Kinder in den Wiederaufbau der Schulen eingebunden, indem sie selbst gemeinsam Wände bemalen durften.

derStandard.at: Kann man angesichts eines existenziellen Verlusts Hoffnung geben?

Juen: Hoffnung klingt sehr groß in so einem Zusammenhang, ist aber ein ganz wichtiger Faktor. Wir versuchen eine positive Zukunftsorientierung zu erzeugen, indem die nächsten Schritte besprochen und unmittelbare Bedürfnisse befriedigt werden.

derStandard.at: Was sind die seelischen Beschwerden? Welche Gefühle plagen Betroffene?

Juen: Da kommt die ganze Bandbreite an Gefühlen zutage, Hilflosigkeit, Wut, Verzweiflung, Schuldgefühle, das alles in raschem Wechsel. Aber auch positive Gefühle wie Dankbarkeit, Solidaritätsgefühl werden erlebt.

derStandard.at: Wie gehe ich mit dem Verlust um? Gibt es Bewältigungsstrategien, die man Betroffenen empfehlen kann?

Juen: Achten Sie auf sich selbst: Schlafen Sie und gönnen Sie sich Ruhepausen. Kinder brauchen Möglichkeiten, zu spielen und auch zu verstehen, was passiert ist. Binden Sie Kinder in Familienentscheidungen ein. Essen und Trinken nicht vergessen. Soweit möglich Familie und Freunde aktivieren, das passiert oft ganz automatisch. Nicht zu weit in die Zukunft planen, Gedanken darüber, was in einem Jahr sein könnte, blockieren mehr, als sie helfen. Da kommt man schnell in Richtung Hoffnungslosigkeit. In so einer Situation ist es wichtig, von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag zu planen.

Manchmal muss man sich auch das Recht nehmen, einmal nicht über das Ereignis zu sprechen, und sich auch in dieser Hinsicht eine Pause gönnen, sich nicht ununterbrochen damit beschäftigen.

derStandard.at: Aus Ihrer Erfahrung: Was wiegt am schwersten? Materieller Verlust, Verletzungen, Verlust von persönlichen Wertgegenständen?

Juen: Das ist eine Kombination aus allem. Der existenziell bedrohliche Verlust ist natürlich sehr belastend, die persönlichen Erinnerungen erzeugen am meisten Verlustgefühle.

derStandard.at: Was ist das Angebot des Roten Kreuzes? Wie erreiche ich die Mitarbeiter der Krisenintervention?

Juen: Am besten über den Rettungsnotruf, die Mitarbeiter der Leitstelle koordinieren auch die Krisenintervention. (Gabriela Poller-Hartig, derStandard.at, 5.6.2013)

Barbara Juen ist fachliche Leiterin der Psychosozialen Dienste im Österreichischen Roten Kreuz. An der Universität Innsbruck arbeitet sie im Fachbereich Klinische und Entwicklungspsychologie. Seit 14 Jahren in der Krisenintervention tätig, war sie nach dem Lawinenunglück von Galtür 1999 maßgeblich am Aufbau der Krisenintervention im Roten Kreuz beteiligt.

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    Das Hochwasser hat bereits zahlreiche Evakuierungen erforderlich gemacht.

  • Artikelbild
    foto: österreichisches rotes kreuz
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