Der Hightech-Krieg um mehr Sicherheit

4. Juni 2013, 20:09
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Technikphilosophin Jutta Weber: Überwachung und Datensammlung schürt weitere Ängste

Mehr als 3500 Überwachungskameras, 1600 Strahlensensoren, Kennzeichen- Scanner auf Polizeiautos, unzählige Polizeifunk-, Terror- und Kriminalitätsdaten - und alles läuft in einer Zentrale in Echtzeit zusammen. Was nach Sciencefiction à la Minority Report klingt, ist seit August 2012 in New York Realität. Die Stadtverwaltung und Microsoft haben gemeinsam das umfassende "Domain Awareness System" entwickelt, das sich bald weltweit in vielen Städten ausbreiten könnte.

Für Jutta Weber, Technikphilosophin von der Universität Paderborn, ein Paradebeispiel für das Phänomen der um sich greifenden "Techno-Security" . Die Strategie, mit Hightech aus der Kriegsführung Ziele zu identifizieren und zu verfolgen, um ständig den Überblick zu bewahren, sei mittlerweile in den Alltag eingezogen, sagte Weber am Montag bei ihrem Eröffnungsvortrag zur Konferenz "Sicherheit als Technik", die vom Institut für Technikfolgenabschätzung der Akademie der Wissenschaften veranstaltet wurde.

Drohnen, Videokameras, vernetzte Datenbanken und Soldaten sind nicht mehr nur bei G-8-Treffen im Einsatz, sondern neuerdings auch bei Sportveranstaltungen wie etwa bei der Olympiade in London, betonte Weber. Die Sicherheitsdebatte sei fokussiert auf den präventiven Schutz vor potenziellen Gefahren durch "Terrorismus, organisiertes Verbrechen, ,illegale' Migration". Für Weber ein hoffnungsloses Unterfangen, weil es sich dabei um die "Bekämpfung des Nichtkalkulierbaren" handle.

Anstatt konkrete Bedrohungen zu verfolgen und aktuelle soziale Probleme anzugehen, um die Sicherheit zu erhöhen, spiele die "Imagination von möglichen Katastrophen und Risiken" eine immer größere Rolle: "Indem man sich vorstellt, dass immer etwas noch Schlimmeres passieren könnte", heize man den Unsicherheitsdiskurs weiter an, da weitere Ängste geschürt würden. Permanentes Datensammeln über Bürger, um Profile, Muster und Szenarien zu erstellen und die unvorhersehbaren Risiken ansatzweise in den Griff zu bekommen, sei nur eine Folge - und das vor allem "in den sichersten Ländern der Erde".

Noch weitgehend unerforscht seien freiwillige, interaktive und partizipative Formen der Überwachung durch Webcams und Social Media, sagt Weber: "Techno-Security hat offensichtlich etwas Verführerisches. Warum macht es Freude, auf Facebook Intimes preiszugeben und auf Foursquare ständig seinen Aufenthaltsort öffentlich zu machen? Diese emotionale Dimension muss noch genauer analysiert werden." (kri/DER STANDARD, 5.6.2013)

 

  • Jutta Weber analysiert Sicherheitsdebatten.
    foto: privat

    Jutta Weber analysiert Sicherheitsdebatten.

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