Lagunen-Cuvée, biodynamisch

7. Juli 2013, 16:08
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Dass in der Lagune von Venedig nach 300 Jahren wieder Wein produziert wird, ist dem französischen Medienmogul Michel Thoulouze zu verdanken

Vom venezianischen Prunk und Glanz ist auf Sant'Erasmo nichts zu sehen - mit Ausnahme natürlich der Serenissima selbst, deren grandiose Türme und Kuppeln nur etwas mehr als einen Kilometer in Richtung Westen aus den flachen Wassern ragen. Hier aber, auf der zweitgrößten Insel der Lagune, stehen zwischen bescheidenen Feldern nur ein paar Häuser aus Sichtbeton.

An der Station des Vaporetto, das Sant'Erasmo einerseits mit Venedig und anderseits mit dem Festland um Jesolo verbindet, steigt niemand aus und niemand zu. Weit und breit kein Mensch zu sehen. Bis ein kleines Lastenfahrzeug sich die Straße entlangquält. Es ist eine Ape, die dreirädrige Verwandte der Vespa mit Führerhaus und Ladepritsche - das hiesige Hauptverkehrsmittel. Ein Mann in Jeans, mit filterloser Gitane im Mundwinkel, steigt aus. Es ist der einzige hauptberufliche Weinbauer von Venedig - Michel Thoulouze.

Alles andere als ein Unbekannter

In der französischen und europäischen Medienbranche ist Thoulouze alles andere als ein Unbekannter. Mehr als 50 Fernsehsender hat der Franzose gegründet und mitbegründet, darunter so erfolgreiche wie Canal+ und Planet. Einen sogar im kurdischen Teil des Iraks. Das war 2009. "Kurdistan war eine Ausnahme, das habe ich nur gemacht, weil ich helfen wollte", sagt Thoulouze, "eigentlich hab ich den Beruf schon vor Jahren an den Nagel gehängt, als dieser ganze Internetwahnsinn begann und sich für qualitatives Fernsehen kein Mensch mehr interessierte. Heute bin ich nur noch Winzer."

Aber warum gerade hier, wo es keinen nennenswerten Weinbau gab? Wieso hat nicht in einer der etablierten Weinregionen seiner Heimat, wie das so üblich ist unter wohlhabenden Medienleuten und Franzosen? "Ich liebe Venedig, noch mehr aber die Lagune und die Ruhe abseits des Tourismuswahnsinns. So habe ich dieses Haus hier gekauft", sagt er und steuert die Ape durch die Weingärten zu einem schlichten, bedächtig renovierten Bauernhaus am Nordufer der Insel.

Erst danach hat er herausgefunden, dass hier einst ein Weingarten stand. "Viele ältere Einheimische bauen ein paar Reben für den Eigenverbrauch an. Die haben mir gesagt: ,Michel, weißt du eigentlich, dass du so ziemlich den besten Boden auf der ganzen Insel gekauft hast?' Dann hab ich diese alte Karte aus dem 17. Jahrhundert entdeckt, auf der genau hier ein Weingarten eingezeichnet war." So beschloss Thoulouze, die Landschaft rund um sein Anwesen selbst zu gestalten und den Weingarten auferstehen zu lassen.

Weinmacher von Romanée Conti

Von Weinbau wusste er damals zwar nichts, aber als einflussreicher Medien-Mann hat man natürlich Freunde. Einer davon ist Alain Graillot, Spitzenwinzer aus dem Rhône-Tal. "Graillot hat genauso reagiert wie meine venezianischen Bekannten und mich gefragt, ob ich verrückt geworden sei, hier Wein machen zu wollen, auf einem Boden, der so lange nicht mit Reben bepflanzt war." Dennoch ließ Graillot sich überreden, einen Versuch zu starten.

Schließlich wurde noch Claude Bourguignon zurate gezogen, der Agronom des legendären Weinguts Romanée Conti im Burgund. Gemeinsam beschloss man, drei Weißweinsorten anzubauen, von denen zu erwarten war, dass sie als Cuvée das Terroir der fruchtbaren Insel in der Lagune am besten widerspiegeln. "Wir entschieden uns für Vermentino, der die salzige Luft des Meeres mag, für Malvasia Istriana, der Aroma hineinbringen würde, und für südländischen Fiano, der für Struktur sorgt", sagt Thoulouze.

Uraltes Entwässerungssystem

Zuerst aber musste der Boden vorbereitet werden. "Wir wollten keinen Pflug einsetzen und auch keine chemischen Dünge- oder Pflanzenschutzmittel, um die biologische Vielfalt im Boden zu bewahren", sagt Thoulouze. Der Mikrobiologe Bourguignon, ein überzeugter Biodynamiker, riet dazu, drei Jahre lang Hafer, Sorghum und Gerste anzubauen, um die Erde zu reinigen und für die Reben aufzubereiten. "Auf der Insel gibt es ein uraltes Entwässerungssystem, das verhindert, dass sich im Boden zu viel Regenwasser ansammelt und ihn auch vor Versalzung bewahrt", sagt Thoulouze.

Heute hat er viereinhalb seiner elf Hektar mit Wein bepflanzt und erzeugt um die 15.000 Flaschen jährlich. Das meiste verkauft er in Venedig, aber auch in feinen Restaurants von Paris, deren Gast er in Medienzeiten so oft war. "Mehr will ich nicht machen, das ist gerade so viel, wie mir Spaß macht", sagt Thoulouze und befüllt die Gläser mit seinem Wein, den er Orto - Gemüsegarten - getauft hat. Dazu serviert er einen Salat aus Fenchel, Spargel und einer Artischockensorte, die nur hier wächst.

"Früher war Sant'Erasmo die Gemüseinsel von Venedig. Leider wird immer weniger angebaut, die Alten sterben aus, die Jungen ziehen weg." Dafür gibt es heute wieder Wein, so wie im 17. Jahrhundert, als die Lagunenstadt nicht vom Tourismus lebte, sondern stolze Handels- und Seemacht war. (Georges Desrues, Feinkost, DER STANDARD, 7.7.2013)

Link

Orto

Orto in Venedig

Harry's Bar
Alle Testiere
Vecio Fritolin
Il Ridotto
Ai Stagneri, Enoteca/Bar, San Marco, Calle de Stagneri 5246

Orto in Paris

Plaza Athénée
La Maison Pic

  • Michel Thoulouze hat einst den Spielfilmsender Canal+ und andere TV- Kanäle gegründet, heute macht er auf einer Insel der venezianischen Lagune seinen "Orto di Venezia". Bei der Vinifizierung ist ihm niemand Geringerer als Claude Bourguignon von Romanée Conti behilflich.
    foto: georges desrues

    Michel Thoulouze hat einst den Spielfilmsender Canal+ und andere TV- Kanäle gegründet, heute macht er auf einer Insel der venezianischen Lagune seinen "Orto di Venezia". Bei der Vinifizierung ist ihm niemand Geringerer als Claude Bourguignon von Romanée Conti behilflich.

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