Gierig wie der Giersch

Kolumne13. Juni 2013, 15:28
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Wildwuchs wird man dem Doldenblütler nicht abgewöhnen - Aufessen hilft, meint Gregor Fauma

Unter Gartlern und Gärtnerinnen gibt's Gesprächshighlights von Bestand. Dazu gehören Fachsimpeleien über Nacktschnecken, Wutausbrüche wegen Lilienhähnchen, Gemauschel beim Thema Blattläuse (man merke, es geht meist um Tiere), aber letztendlich gibt es auch eine Pflanze, welche Gartler und Gärtnerinnen intensiv beschäftigt. Sie hört auf Giersch, und wenn sie einmal da ist, dann bleibt sie es auch.

Giersch, der -, ist die einzige in Europa vorkommende Art der Gattung Aegopodium. Und eine Art ist für ganz Europa ausreichend - fragen Sie einmal Betroffene. Der Giersch liebt es schattig, feucht, und wenn die Erde auch noch schön stickstoffreich ist, kommt er so richtig zur Geltung: Niedrig im Wuchs, schiebt sich sein zartes Grün über den Boden und bedeckt wie ein Teppich Waldlichtungen, städtische Hundeklos und Ziergärten.

Eigentlich ist er ja recht hübsch anzuschauen mit seinem bodendeckenden Wuchs und seinen zarten, cremeweißen Blüten. Und heilen, ja das kann er angeblich auch. Er möge gegen Gicht und Rheumatismus helfen, und harntreibend sei er ebenfalls - dachte man über Jahrhunderte hinweg. Beweisen ließ sich das bis jetzt nicht, aber auch das Gegenteil, dass er schade, ist nicht evidenzbasiert.

Gärtner hassen den Giersch

Was man hingegen schon weiß, ist, dass Meerschweinchen und Kaninchen gerne am Giersch knabbern. Jo mei, wenn die kleinen Scheißerln einmal einen Gichtanfall haben, dann legt man halt eine Extraportion in den Käfig. Und trotzdem: Gärtner hassen den Giersch, und dieser Hass ist nachvollziehbar. Denn in Wahrheit bedeutet Gärtnern doch nichts anderes, als der Natur ständig zu beweisen, dass man sie im Griff habe und nach Gutdünken formen könne. Die Gärtnerin als die große Schöpferin, der Gartler als Nero, der per Daumenzeig bestimmt, wer bleibt und wer fliegt. Aber nicht so mit dem Giersch.

Der Giersch zeigt seinem Gärtner, wer der Herr im Freigehege ist. Und er macht dies subliminal, also unterschwellig. Er schiebt seine Wurzeln und Ausläufer einem Netz aus eng gehäkelter Ziegenwolle gleich tief im Boden versteckt voran und lässt gelegentlich einen Ausguck in Form eines Triebs mit einigen Blättern hervorlugen. Und es spielt keine Rolle, wie viel man oben von ihm abschneidet, unterirdisch wächst er weiter, und weiter und weiter.

Das wissen die Gärtner, sie haben schon alles probiert: Sie versuchten, ihn durch Beschattung und Mahd auszuhungern. Die einen pflanzten Erdäpfel, auf dass deren Laub den Giersch beschatte und die Knollen ihm den Stickstoff entziehen - vergeblich. Die anderen spannten schwarze Plastikmatten über den Boden, damit der Giersch ohne Lichteinfall verhungere. Aber das erleben diese Gärtner nur selten selber, eher schon deren Enkel, so sie Geduld aufbringen.

Drang zur Üppigkeit

Weitere Methoden sind das komplette Abtragen des Erdreichs und dessen Ersatz durch neues. Vergebens. Es reicht ein Rhizom, und er ist wieder da. Man kann auch Gift ausbringen, den Garten sprengen, Parkplätze errichten ... aber dann sollte man nicht in einer Gartenkolumne darüber berichten. Nein, die Antwort ist ganz einfach.

Utilisieren Sie den Giersch, nutzen Sie schamlos seinen Drang zur Üppigkeit. Giersch schmeckt nämlich nicht nur Kaninchen und anderen Haustieren, sondern auch Menschen. Spinat nicht unähnlich, with a gentle touch of parsley, gehört Giersch sowieso auf jeden Speiseplan. Ob roh im Salat, zusammengefallen neben Spiegelei und Rösti, Giersch schmeckt ganz hervorragend. Und das Schöne an ihm: Es gibt ihn fast das gesamte Jahr über, selbst im Winter treibt er frisch vor sich hin.

Also, raus ins Grüne, zurück ins Haus mit einem Sack voller Giersch - und auf die Teller damit! (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 7.6.2013)

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    Tipps zum Giersch

    1. Finden Sie Pflanzen, die den Giersch durch ihre Größe überwachsen.
    2. Errichten Sie Wurzelsperren, wie man sie vom Bambus kennt.
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