Wenn alle Fernsehdämme brechen

Kommentar der anderen4. Juni 2013, 18:30
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Ein Versuch, den Auswirkungen des anhaltenden Regens auf die Flut der medialen Bilder und Worte auf die Spur zu kommen

Karl Valentin, wäre er noch am Leben, hätte seine helle Freude daran, welche medialen und damit verbunden sprachlichen Auswüchse ein Naturereignis wie anhaltender Regen zeitigen kann. So viel sei vorausgeschickt, ein "möglicherweise bevorstehendes Hochwasser" ist das kostengünstigste Reality-TV-Format, das den Fernsehanstalten unverdienterweise in den Schoß fallen bzw. geschwemmt werden kann. Petrus sei Dank.

Die bereits stattgefundene Überschwemmung lässt sich mit zwei Worten benennen: "Land unter!" Darauf folgt jedes Mal eine beispiellose Welle, um nicht zu sagen Flut, an freiwilligen Hilfsleistungen aus der Bevölkerung. Was jedoch ein möglicherweise noch bevorstehendes Hochwasser generiert, das ist zumindest eine Sintflut an Fragen, Antworten, Berechnungen, Vermutungen, Behauptungen, Reflexionen, Selbstdarstellungen ...

All diesen Aktivitäten ist eines gemein: die unverhohlene Absicht, uns alle so lange wie möglich vor den TV-Bildschirmen festzuhalten. All diese immer wieder schier endlos abgespulten Zahlenreihen der aktuellen Pegelstände, der noch zu Verfügung stehenden Toleranzen, bis endlich auch die schon um x Zentimeter erhöhten Dämme überschwemmt werden, dividiert durch die Zeit, die der Flutscheitel von Passau nach Wien benötigt, getrübt durch die Unschärfe der einen Messstation, die unverschämterweise irgendwo (natürlich) in Deutschland, keinesfalls in Österreich, ausgefallen ist ... Die macht uns nämlich einen Strich durch die Rechnung, daher stimmt die ganze Rechnung nicht, daher stimmt die ganze Berichterstattung nicht, alle Prognosen werden zu Kaffeesudlesereien ... Egal, die Zeit vergeht. Wir sitzen gebannt vor dem Bildschirm, die beschwörenden Zahlenreihen schwirren einem um und in die Ohren wie der hypnotisierende Gesang der Schlange Kaa in Kiplings "Dschungelbuch": "Trust in me ...".

Meine Wenigkeit, die sich zu den Nichtfernsehern (aber deshalb nicht zu den Kurzsichtigen) zählt, ist solchen Beschwörungsriten natürlich wehrlos ausgesetzt, da ich mir die nötigen Abwehrmechanismen nicht durch tägliche Exerzitien angeeignet habe. Nach einer gewissen Zeit der Wiederholungen werden in die Zahlen-Loops leichte Modulationen eingebaut, das hat sich die ORF-Dramaturgie bei Steve Reich und Philip Glass abgeschaut. Später kommt noch emotionalisierende Hintergrundmusik dazu, und während ich noch immer völlig bewegungsunfähig den Bildschirm anstarre, verabschiedet sich meine Frau mit den Worten: "Mag nicht mehr Wasser schaun!"

Weiter geht's mit "Steigt der Pegel oder sinkt er? Steigt er schneller als erwartet oder langsamer als befürchtet? Sinkt er langsamer alse befürchtet oder schneller als erwartet?". Auftritt Landeshauptmann Erwin Pröll mit besorgter Miene, ich höre gar nicht, wovon er spricht, die besorgte Miene sagt alles. Bundeskanzler Faymann steht auch irgendwo im Freien herum, allerdings ohne gelbe Gummistiefel. Vizekanzler Spindelegger traut sich nicht ins Freie, koordiniert allerdings die Katastrophenhilfe. Die alles entscheidende Frage lautet allerdings: Wird dieses Hochwasser das Jahrhunderthochwasser von 2002 in den Schatten stellen?

Wo bleibt Rudolf Taschner?

In Passau ist die Frage bereits entschieden, dort handelt es sich um ein Jahrfünfhunderthochwasser. Das Prädikat Jahrhunderthochwasser für jenes von 2002 ist nur bedingt aussagekräftig, da das aktuelle Jahrhundert zu jenem Zeitpunkt erst knapp zwei Jahre alt war und somit die Bezeichnung Jahrhunderthochwasser nur dann verdient, wenn die verbleibenden 98 Jahre dieses Jahrhunderts nicht berücksichtigt werden. Denkbar schlechte Voraussetzungen für eine seriöse Berechnung. Wo ist eigentlich Prof. Rudolf Taschner? Stellt er geheime Berechnungen an, die dem TV-Publikum vorenthalten werden ...?

Abschließend überlasse ich das Wort Max Frisch: "Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen." (Klaus Karlbauer, DER STANDARD, 5.6.2013)

Klaus Karlbauer, Musiker, Künstler und Hochwasserexperte, lebt in Wien.

  • Klaus Karlbauer: Karl Valentin hätte seine Freude.
    foto: privat

    Klaus Karlbauer: Karl Valentin hätte seine Freude.

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