Lockende, einlullende Düsternis

4. Juni 2013, 18:05
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Tim Eitel, Maler der Neuen Leipziger Schule, baut Spannungsfelder zwischen Menschen und Objekten auf - Das Essl-Museum zeigt seine Bilder - hochwasserbedingt wohl erst ab Freitag

Klosterneuburg - Es sind improvisierte Behausungen, zusammengezimmert aus Platten und Balken. Notdürftig mit Steinen beschwert ist das Dach. Plane hängt wie vom Wind weggefetzt herab. Schwer wiegt der Kopf des Gestrandeten. So scheint es zumindest. Trübe spiegelt sich die Szenerie in einer Wasserlacke.

Tim Eitels Bild fügt sich - der Ironie des Schicksals folgend - im Moment leider nur zu gut in die Stimmung rund um das Essl-Museum: überschwemmte Donauauen und geflutete Kleingartensiedlungen. Die Wassermassen zwingen auch das Museum vorübergehend zur Schließung. Man nimmt es gelassen. Die Füße sind trocken. Das Wasser wird weichen.

Die Situation im Gemälde ist mit Pumpen, Räumen und Putzen allerdings nicht zu verbessern. Roma-Baracken nahe seinem Pariser Atelier haben Tim Eitel dazu inspiriert. Architekt heißt das Großformat irgendwie provokant. Denn man ist versucht, den Titel mit so abgegriffenen Sprichwörtern wie "Jeder ist seines Glückes Schmied" zu ergänzen. Weisheiten, die so gar nicht mehr in ein an positiven Zukunftsperspektiven armes Heute passen.

Der 42-jährige Tim Eitel gehört zu den Vertretern der sogenannten Neuen Leipziger Schule, also jener in den frühen Nullerjahren - etwa in Ausstellungen wie sieben mal malerei - gehypten gegenständlichen Malerei. Neben Neo Rauch und Tilo Baumgärtel gehört der in Leonberg bei Stuttgart geborene Eitel zu ihren prominentesten und gefeiertsten Gestalten. Der heikle Schönheitsbegriff, der mit ihren farbigen, realistischen und heiteren Bildern wieder in der Malerei Einzug hielt, wurde von manchem als Eskapismus gedeutet. Ein Krisenreflex sozusagen.

Dieser Logik folgend, flieht Eitel die Wirklichkeit inzwischen nicht mehr, denn seine Palette ist grauer geworden. Nicht nur grauer, sondern bisweilen tiefdunkel. Wie ein Schleier legt sich das Grau über manche seiner Bilder und lässt Feuer (2005) - den ersten Ankauf des Ehepaars Essl - trotz der verzehrenden Kraft der Flamme romantisch wirken. Aber so ein zentraler Energieball entstehe auch durch die Kommunikationslinien, die sich zwischen den stummen, sich vom Betrachter abwendenden Protagonisten seiner Bilder aufspannen.

Erfahrungen, die Eitel 2005 in Los Angeles gemacht hat, haben auch mit diesen Veränderungen im Kolorit zu tun, erzählt Eitel. Sie verknüpfen sich mit den extremen Kontrasten, die er dort insbesondere in Downtown erlebt habe: "Das Büro- und Bankenviertel wandelt sich in der Nacht zu einer Art apokalyptischen Blade Runner-Straßenszenerie, dicht bevölkert von obdachlosen, drogen-abhängigen Jugendlichen." Aber auch formale Gründe sprachen für die Entfernung vom Bunten. Eitel wollte sich mehr auf das Wesentliche der Komposition, auf Figur und Objekt konzentrieren. Er vergleicht es mit einer dunklen Theaterbühne, wo ein Spot sich auf den Schauspieler richtet.

Die Protagonisten seiner still machenden Bilder, von denen nur etwa 15 pro Jahr entstehen, müssen sich gegenüber grauen Hintergründen, feinschattierten und darin geometrisch-abstrakten Flächen behaupten. In dieser Kombination aus figürlichen und ab-strakten Elementen ist Eitel typisch Leipziger Schule. Dieses Ausbalancieren macht die Werke jedoch spannend. Vielsagend. Zudem lockt das Dunkle, das alltäglichen Motiven wie Müllcontainern, Matratzen oder Raumecken etwas Bedeutungsvolles verleiht. Düsternis, die einlullt. (Katrin Feßler, DER STANDARD, 5.6.2013)

Bis 25. 8.

  • Ein Spiel mit figürlichen und abstrakten Elementen: Tim Eitels " Architekt" (2012) meidet den Blick in die spiegelnde Wasserfläche.
    foto: uwe walter, berlin © vbk wien

    Ein Spiel mit figürlichen und abstrakten Elementen: Tim Eitels " Architekt" (2012) meidet den Blick in die spiegelnde Wasserfläche.

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